Schrift und Tradition – Zwischen Krippe und Kirche
Buchbesprechung zu:
„Jesus von Nazareth. Prolog. Die Kindheitsgeschichten“
von Joseph Ratzinger
Herder Verlag, Taschenbuchausgabe 2014, 135 Seiten ohne Anhänge
Vor mir liegen alle drei Teile der umfangreichen Abhandlung über „Jesus von Nazareth“, die der deutsche Ex-Papst Benedikt XVI. verfasst hat. Diese drei Bücher schwirren schon lange durch meine Regale. Sie haben öfter den Platz gewechselt, lagen mal auf dem Nachttisch, mal auf dem Wohnzimmertisch. Hin und wieder bin ich durch eines der Inhaltsverzeichnisse gegangen, habe die Klappentexte gelesen und auch mal die eine oder andere Seite aufgeschlagen. Quergelesen nennt sich das wohl… Warum habe ich dieses Leseprojekt nicht eher durchgezogen? Weil da eine Papst-Skeptik in mir ist? Ehrlich gesagt verbinde ich mit dem Amt des Papstes weder besonders negative noch positive Gefühle. Ich bin nicht katholisch geprägt, war aber oft genug in Kontakt mit katholischen Gläubigen und Geistlichen. Da ist also keine Abneigung oder Feindschaft. Eher eine tiefe Überzeugung, dass jenseits aller historischen und theologischen Grabenkämpfe immer noch gilt: „Der Herr sieht das Herz an.“ Also warum nicht einem Papst zuhören (bzw. „zulesen“…)? War es die Befürchtung, komplizierte, theologische Gedankengänge und Begriffe nicht verstehen zu können, eine zähe Lektüre vor mir zu haben? Dafür bin ich schon zu lange selbst in der Schrift und im Gemeindeleben unterwegs, als dass mich diese Dinge wirklich abschrecken könnten.
Es verhält sich vielmehr so, dass durch das Buch auch immer die Stimme desjenigen spricht, der es verfasst hat. Es ist sozusagen eine menschliche Begegnung auf anderer Ebene. Mit dem Öffnen der Seiten lädt man jemanden in seine Wohnung, in sein Herz ein. Man lässt es zu, einen ganz Anderen kennenzulernen, sich demütig zu verhalten und ihm zuzuhören. Dazu muss man in der Lage sein. Die Situation muss passen, eine arrangierte Begegnung muss manchmal dem Kennenlernen dienen. Ein solcher Anlass war für mich der Beginn der diesjährigen Adventszeit. Aus Bequemlichkeit habe ich also zu dem dritten und letzten Band der Reihe gegriffen, weil er der schmalste von allen ist und gesondert die Texte des Neuen Testamentes behandelt, die über Geburt und Kindheit Jesu sprechen. Passend zur Jahreszeit und passend als Einstieg in das Ganze.
Wie ist es mir also ergangen bei dem kurzen Stelldichein mit einem ehemaligen Papst? Es ist die Stimme eines ruhigen, zutiefst überzeugten und sanftmütigen Gelehrten, die einem aus den Seiten entgegenweht. Es verwundert mich kaum, dass ein solcher Mann nur ein relativ stiller „Übergangspapst“ gewesen ist und sich aus diesem Amt wieder zurückgezogen hat. Er ist mehr ein Mann der geistlichen Kontemplation und Lehre wie mir scheint, weniger ein tatkräftiger Anführer für eine Machtposition. Seine Bekanntheit über dieses Amt hat gewiss den Anklang seiner Bücher mit beeinflusst, auch wenn es sich so oder so lohnt, Ratzingers Ausführungen zu folgen.
Er bleibt nah an den eigentlichen Texten des Neuen Testamentes, schöpft direkt aus der Schrift, übersetzt die Bibelstellen sogar selbst aus den Urtexten, gibt Querverweise zu alttestamentarischen Parallelstellen und Prophetien, die in die Berichte von Jesu Geburt und Kindheit mit einfließen. Für mich war diese Herangehensweise erstaunlich „protestantisch“ – Sola Scriptura. Darüber hinaus erklärt er auch kirchliche Traditionen, die sich aus der jahrhundertelangen Lektüre dieser Texte gebildet haben. Was suchen Ochs und Esel bei der Krippe, obwohl im Neuen Testament nirgends die Rede von ihnen ist? Was hat es mit den Heiligen Königen auf sich, obwohl es doch im Text nur Sterndeuter sind? All diese Fragen berührt Ratzinger und er versöhnt Treue zur Schrift mit den liebgewordenen Traditionen der Kirche und ihrer Gläubigen.
Besonders erhellend waren für mich als „Nicht-Katholikin“ die Passagen über die Mutter Jesu. Ihr Herzensglaube, ihr Bewahren der Worte in ihrem Herzen, geben ein wunderschönes Bild und Vorbild für das eigentliche Wesen der Kirche und des Glaubens. Maria ist nicht nur die Mutter Jesu, sondern in gewisser Hinsicht auch die Mutter aller Gläubigen. Ihre besondere Verehrung in der katholischen Tradition wird auf diese Weise für mich etwas nachvollziehbarer, wenn ich auch immer das Beten zu ihr als etwas sehen werde, das ich niemals von Herzen tun könnte. Ratzinger bleibt jedoch auch hier ganz bei der Schrift wie überhaupt in allen Kapiteln.
Darüber hinaus versäumt er es nicht, auch Gegenstimmen zu Wort kommen zu lassen. Wie verhält es sich mit der Historizität der Berichte? Sind sie eine theologische Dichtung oder sind sie die Wiedergabe der tatsächlichen Ereignisse? Ratzinger findet stimmige Argumente für die Authentizität der Schrift. Er ist ein von Herzen Überzeugter, aber er präsentiert auch wissenschaftliche Erkenntnisse, die diese Überzeugung stützen. Es ist in dieser Hinsicht ein Buch für bereits Gläubige, die nach Festigkeit für ihr Wissen um die Lebensgeschichte Jesu suchen. Es kann jedoch auch einen guten Einblick für dem Glauben und der Kirche fern Stehende bieten. Denn der Ton bleibt stets sachte und klar. Das Buch ist eine Antwort auf die Frage: Was genau glauben Christen eigentlich in Hinsicht auf den Beginn des Lebens Jesu? Nehmen sie das alles ernst? Wenn ja, warum? Die Antworten sind eindeutig und in gewisser Hinsicht gar ökumenisch zu nennen, denn die Auslegungen und Deutungen der Kindheitsgeschichten Jesu sind – bis auf ein paar spitzfindige, theologische Details – den meisten aktiven und durchschnittlich gebildeten Gläubigen aller Denominationen hinlänglich bekannt.
Der Prolog zu „Jesus von Nazareth“ ist ein Buch, das jeder Interessierte mit Gewinn lesen kann, ob gläubig oder nicht. Sicherlich ist eine gewisse Vorbildung hilfreich, doch die Ausdrucksweise Ratzingers ist erstaunlich verständlich und meidet weitestgehend zu komplizierte, theologische Begriffe. Für alle diejenigen, die so gar keinen Zugang zu Bibel und Kirchentradition haben und denen jegliches Vorwissen fehlt, gibt es einen wirklich ausführlichen Anhang mit Erklärungen. Einer Lektüre steht also nichts im Wege, es sei denn, man ist völlig uninteressiert. Ich jedenfalls bin von diesem kleinen Büchlein sozusagen „angefixt“ und werde diesem Beitrag zwei weitere über die nächsten Teile von „Jesus von Nazareth“ folgen lassen.


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