Minderwertig und halb gebildet zur Macht
Teil I über die Hitler-Biografie des Konrad Heiden
Buchbesprechung zu:
„Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“
Von Konrad Heiden
Zuerst veröffentlicht 1936 im Europaverlag, Zürich
Neu veröffentlicht im Doppelband mit dem zweiten Teil 2016 im Europaverlag
564 Seiten
Manchmal ist das Leben einer Bibliophilen, die in einer Buchhandlung arbeitet, fast so, wie es in Romanen geschildert wird. Ein seltsames, altes Buch fällt einem in die Hände. Ein Geheimnis, eine abenteuerliche Geschichte scheint es zu umgeben. Man begibt sich auf Spurensuche und entdeckt etwas Großes, Einzigartiges, das die Seele bewegt. So ist es dieses Mal geschehen. So kam ich zu dieser Lektüre.
Eines Tages hatte irgendjemand, wie es eben öfter vorkommt, einen Stapel alter Bücher in der Buchhandlung abgegeben. Sie wurden nicht mehr gebraucht. Sie nahmen Platz weg. Man wollte sie jedoch nicht entsorgen. (Das Antiquariat als Rettung vor der Abfallwirtschaft.) Darunter ein in schlichtes Leinen gebundener Titel, auf dem die Worte „Konrad Heiden“ und „Hitler“ prangten. Hitler schön groß geschrieben. Wir schlugen das Buch auf, um wie immer zuerst zu prüfen, in welcher Zeit es einzuordnen wäre. 1936. Eine Biografie über Hitler aus dem Jahre 1936? Man kennt den Narzissmus der Nazigrößen, die ihre Memoiren, Kampfschriften, Artikel und Tagebücher in Massen unter das Volk warfen. Also wieder ein übliches, unerträgliches Loblied auf den großen Führer? Einige Seiten später konnte man feststellen, dass es gegen Hitler gerichtet war. Wer tut so etwas? Beinahe 500 Seiten Biografie schreiben über einen Menschen, zu dem man in Feindschaft steht. Ist das Besessenheit? Ist es Mut und Kampf?
Andere Dinge wurden wichtig. Das Buch wurde beiseitegelegt und bald verkauft. Doch dann warf der Europaverlag den Titel als Doppelband beider Teile in Neuauflage auf den Markt. Und Stefan Aust widmete sich der Person des Journalisten Konrad Heiden mit seinem Titel „Hitlers erster Feind“.
Niemals wollte ich eine Biografie über Hitler lesen, mich mitreißen lassen von der gewaltigen Flut an Literatur, die eine unaufhörliche Verarbeitung von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg Jahr für Jahr in Form zahlloser Bücher in die Welt spuckt. Wissen aneignen, Position beziehen, ja, aber niemals in die Person des Adolf Hitler eintauchen, das Dunkle nicht zu tief berühren.
Doch da war Konrad Heiden. Von Natur und Verstand sofort in Opposition zum künftigen „Führer“. Sozialdemokrat, Pazifist, freier Journalist, jüdischer Abstammung. Sehr bald im schweizerischen Exil, dort eine Unzahl an Quellen und Informationen über den Mann Adolf Hitler zusammentragend. 31 Tausend Exemplare des ersten Teils seiner Biografie über den Feind gedruckt. Zahlreiche andere Bücher über den Nationalsozialismus und Hitler veröffentlicht. Sein Weg führte ihn wie viele andere Autoren ins Exil. Über die Schweiz, Paris, Flucht über die Pyrenäen, emigriert in die USA. Gerade noch davon gekommen. Immer weiter sich gegen Hitler stellend, gegen ihn anschreibend, mit dem Wort kämpfend. Ein Held nach meinem Geschmack.
Treu meinem Credo „Zurück zur Quelle“ griff ich nicht zuerst zu dem Buch über Konrad Heiden („Hitlers erster Feind“), sondern nahm Mut und Atem zusammen, mich durch die fast 1000 Seiten Hitler-Biografie zu kämpfen. Zuerst schweren Herzens, dann mit Freude und nicht mehr davon los kommend. Wie ist es möglich, Freude zu empfinden, wenn man etwas über Hitler liest? Wie ist es möglich, Spaß an einer so ernsten Lektüre zu haben?
Der erste Teil, über den ich hier schreibe, beginnt blutig und endet blutig. Adolf Hitler, geboren in der Provinz, in der man im 16. Jahrhundert „Eingeweide“ „an Baumstämme genagelt“ hat (S. 44). Adolf Hitler, der schließlich bewilligt und befehligt, dass mit Sicherheit über 150 Männer an die Wand gestellt und zerschossen werden (zerschossen, nicht erschossen, das Wort ist bewusst gewählt!). Das ist der blutrote Bogen, unter dem sich das Lebensbild Adolf Hitlers entspannt, die Entstehung der nationalsozialistischen Bewegung nachvollzogen wird. Ein literarischer Kunstgriff von so vielen. Ein Kampfbuch gegen Hitler, voller Kernsätze, Bilder und sprachlich geschliffener Schönheit. Konrad Heiden, ein Mann, der mit klaren, deutlichen, aber auch schön zu nennenden Worten gegen eine Sache schreibt, die hässlicher nicht sein könnte. Das Grauen mit Verstand und Güte entlarvend. Allein das ist der Grund, weshalb man dieses Buch lesen kann, ohne in den Abgrund zu stürzen, obwohl man tief in ihn hinein blickt.
Nun zur Sache. Was steckt im ersten Teil von Heidens Hitler-Biografie?
„Dies ist der unbehagliche Zwiespalt des Rationalismus, dass er die Welt für verstehbar erklärt und doch zur Folge hat, dass sie der großen Mehrzahl immer unverständlicher wird.“ (S. 108)
Die Hauptthese findet sich bereits im Titel. Ein Zeitalter der Verantwortungslosigkeit ist angebrochen. Eine arbeitslose, kriegsmüde, zum Teil ausgehungerte deutsche Bevölkerung flüchtet sich in das Heil eines Führers, der alle Verantwortung für sie übernimmt. Dieser Führer selbst ist jedoch einer von ihnen, selbst gescheitert und nicht in der Lage und willens Verantwortung zu übernehmen. Sowohl der Einzelne in der Masse, als auch derjenige, der diese Masse führt, übernehmen keine Verantwortung. So gibt es bald eine Reihe Führer, die verantwortungslos und ohne moralische Bedenken tun und lassen, was ihnen gut dünkt. Denn niemand ist verantwortlich und niemand kann zur Verantwortung gezogen werden. Das schafft Raum für Willkür und alle erdenklichen Gräuel. Die Schuld wird ausgelagert und auf eine Minderheit übertragen. Es ist bequem. Alles mündet schließlich in die Formel: „Der Jude ist an allem schuld!“
„Das ist die Erweiterung des Ständegedankens durch das Führerprinzip. Es bedeutet für jedermann Entlastung von Verantwortung durch eine absolute oberste Autorität, also Sicherheit und moralische Bequemlichkeit; es bedeutet aber auch für jeden die theoretische Möglichkeit, selbst an irgendeiner Stelle Führer zu werden und einen Teil der Autorität ohne Verantwortung mitzugenießen. So wenig das Individuum sich verantwortlich fühlt und fühlen will für seinen Staat, so wenig ist der Führer tatsächlich verantwortlich; denn wenn die Verantwortung nach unten, gegenüber den Massen, aufgehoben ist, dann ist sie überhaupt aufgehoben. […] Der absolute oberste Führer, der angeblich die ganze Verantwortung allein auf sich nimmt, nimmt praktisch gar keine auf sich, denn niemand kann ihn zur Verantwortung ziehen. So entsteht ein Herrschaftssystem, in dem es nur ein Risiko gibt, nämlich den Kampf um die Gunst des Höheren, und ein sicheres Mittel, dieses Risiko auf null zu reduzieren, nämlich die Willfährigkeit nach oben.“ (S. 325/26)
Doch wie ist dieser machtwillige, aber verantwortungsunwillige Führer geworden, was er ist? Heiden begibt sich auf Spurensuche, er forscht in der Familiengeschichte Adolf Hitlers. Wer waren seine Eltern und Großeltern, wie ist der Familienname entstanden? All jene Details, die eine klassische Biografie ausmachen. Nichts sonderlich Erstaunliches kommt dabei zu Tage, außer einem Hang der Familie zum Deutschnationalen, nicht ungewöhnlich für so viele Deutsch-Österreicher, mehr guter Ton und Attitüde als wirklich Kampfeswille und Politik. Nur das Eine ist auffällig. Adolf Hitler ist ein Gescheiterter und trotzdem schafft er es an die Spitze. Wie hat er das gemacht? Wie hat er sich selbst gemacht? Oder ist er gemacht worden? Wer erschuf den Führer, wie er 1936, beim Erscheinen des Buches, bereits sein Unwesen treibt?
„Realschüler, verlässt die Schule aus Trägheit vor dem Examen, an der Kunstakademie und der Architekturschule, abgewiesen, nacheinander Gelegenheitsarbeiter, Kofferträger, Bettler, Ansichtskartenzeichner und Plakatmaler, mehrere Jahre Insasse eines Männerasyls, 1914 bis 1920 Soldat, dann ohne Beruf, von Freunden unterstützt, politischer Agitator – dieses Lebensbild Adolf Hitlers ist geradezu Krone und Vorbild für die Lebensläufe all dieser Deklassierten, die als sogenannte Führer der nationalsozialistischen Partei Unterschlupf gefunden haben.“ (S. 317)
Schnell wird deutlich, dass dieses geknickte Lebensbild allein nicht genügt, um zu begreifen. Das Umfeld Adolf Hitlers wird ausgeleuchtet. Wer hat ihn gekannt, wie er damals war, ganz unten, ein Obdachloser und ein Bettler? Wer hatte mit ihm Umgang? Gewisse Anlagen, die für eine frühzeitige Störung in der Persönlichkeit sprechen, zeigen sich bereits. Doch hier hätte er noch alles werden können, vom einfachen Arbeiter bis hin zum ewig armen, verschrobenen Künstler. Der Erste Weltkrieg ist der Geburtshelfer. Adolf Hitler wird einfacher Gefreiter. Freilich bringt er es auch hier nicht weit, doch es zeigt sich eine gewisse Tapferkeit, eher begründet in buckliger Hörigkeit, denn in wirklicher Bildung des Charakters. Jahre später finden wir denselben Adolf Hitler auf dem Bauch liegend und feige vor den Schüssen fliehend, als der ungeschickte Putschversuch misslingt. Ein Hin und Her. Mal der verschüchterte Herr Hitler, mal der Führer, der er einst werden soll.
„Er wurde im steilen Aufstieg nur, was er wirklich war und wozu die Natur ihn gestempelt hat: ein Herrscher mit Bettlerinstinken. Er konnte von Haus aus nur absolut sein, sei es Fürst oder Vagabund. Er kann nicht leben, ohne tun zu dürfen, was er will; aber er muss das Gefühl haben, dass alle es ihm erlauben. In seinem tiefsten Empfinden kein Herr, sondern eben ein „Führer“; geht nur voran, wenn er weiß, dass andere folgen. In der Einsamkeit ein Hocker und Träumer, vor der Masse ein gewaltiger Streber. Kein Alleingänger, sondern ein Alleinsitzer. Es ist Deutschlands Tragik in dieser zwielichtigen Epoche seiner Geschichte, dass sechs Jahrzehnte Kaiserreich es an Gehorsam gewöhnten, aber keinen echten Herrn hervorbrachten. Darum das Zeitalter der dämonischen Hanswurste.“ (S. 418)
Nach dem Weltkriege irrt unser Adolf, genannt „Ohm Paul Krüger“, umher. Er trifft Leute mit Ideen. Er mag zwar kein Genie sein, doch er ist nicht ohne Talent. Er kann reden und er ist in gewisser Hinsicht gebildet, hat Einiges gelesen. Und er will etwas. Was genau? Er selbst weiß es vielleicht noch nicht. Aber:
„Aktivist und Spießer begegnen sich im Zeichen der Halbbildung.“ (S. 126)
Ein ganzes Heer ist arbeitslos gemacht worden. Es gibt die Masse der berufslosen Soldaten, es gibt die versteckten Waffen. Es gibt die Männer an den entscheidenden Stellen. Zahllose Zufälle verbinden sich zu genau den Umständen, die es möglich machen, dass ein redebegabter Adolf Hitler werden kann, was er wird. Ein Getriebener, Geschobener, Gedrückter. Und doch auch der „Führer“, der er sein will und nicht immer ist. Wer die einzelnen Stationen auf dem Weg zur „Machtergreifung“ nachvollziehen will, verstehen will, wie der Nationalsozialismus groß und immer größer werden konnte, der mag die Details in Konrad Heidens Buch nachlesen. Der Platz hier ist zu begrenzt, um auch nur eine Zusammenfassung zu geben.
„Die Deklassierten aller Klassen, repräsentiert in den sieben bis acht Millionen Erwerbsloser, sind ein Meer, und eine Hand voll unheimlicher Freibeuter die Besatzung seines Schiffs.“ (S. 327)
Der Weg indes ist klar, ein Hin und Her um die Macht beginnt. Mal verzeichnen die Nationalsozialisten Wahlerfolge, mal werden sie und ihre Schriften verboten. Heiden beschreibt Hitlers Kampf um die Macht auf eine Weise, dass man beinahe mit Hitler mitfiebert, wann und wie er es denn endlich schafft, obwohl immer klar bleibt, dass Hitler der schlimmstmögliche Fall sein wird. Ein Nahezu romanartiger Antiheld wird konstruiert. Hitler wird nicht dadurch unmöglich gemacht, dass er von vornherein als das feststehende Bild eines Dämons beschrieben wird. Wir erleben den Menschen Adolf Hitler, als einen mit Schwächen und Stärken, Talenten und Komplexen. Man mag es fast schon Empathie nennen, wären da nicht die wirklich feinironischen, bissigen Anmerkungen. Das ist eine kunstvolle, unheimliche Entlarvungsstrategie. Sich dem Gegenstande einfühlend nähern und dennoch in der sicheren Ferne des Beobachters bleiben. Objektiv, aber nicht ohne Meinung dazu. Wer wissen will, wie kunstfertig Konrad Heiden dieses Netz webt, dem sei die Lektüre empfohlen. Eine Buchbesprechung kann nur ungenügend widergeben, was man beim Lesen tatsächlich erlebt.
Ja, Konrad Heiden wird scharf in seinem Urteil, bissig geradezu. Er zeichnet ein vergnüglich zu lesendes, unvorteilhaftes Bild seines Feindes:
„Das Gesicht eines Menschen ist ja kein unabwischbarer Stempel der Natur, ein für alle Mal ohne Widerruf und Gnade aufgedrückt; jeder Mensch formt vielmehr sein Gesicht, sowohl von innen her durch die dawider arbeitenden Seelen- und Geisteskräfte als auch von außen durch Haar und Bart und lebenslange Spiegelübungen. Aus was für einem Gesicht hat nun Adolf Hitler was für ein Gesicht gemacht? Eine kalmückische Anlage mit hochstehenden Backenknochen und geschlitzten Augen, etwas grausam und leicht schreckhaft aussehend, ist durch Haar und Bart zum Modell „schöner Mann“ gewaltsam vermanscht worden – ob das Ziel erreicht wurde, ist Geschmackssache.“ (S. 435)
An dieser Stelle weichen wir mal etwas ab von dem Buch. Jeder hat das typische Angesicht Adolf Hitlers vor Augen, es hat sich tief in das kulturelle Gedächtnis geprägt, unauslöschlich. Und Konrad Heiden fängt es 1936 so ein, wie wir es 2017 immer noch in unsere Hirnwindungen gebrannt haben. Wer die Muße hat, der suche im Netz einmal nach dem Bildnis des Autors. Da erscheint das ganze Gegenteil. Dieser Mann, wenn man allein das Gesicht Konrad Heidens betrachtet, muss einfach ein Gegner des „Führers“ sein. Weiche Züge, wache Augen, ein leicht spöttisches Lächeln. Ein Mann des Schreibtisches, sicher nicht unkompliziert, aber das Gute wollend. Allein Hitler und Heiden nebeneinander zu betrachten macht deutlich, welche Position „Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“ beziehen muss.
Konrad Heiden ist klarer, erklärter Feind Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten. Er berichtet kritisch, ironisch, messerscharf. Und dennoch verliert er niemals den Menschen als Menschen aus dem Blick. Selbst Adolf Hitler, dieser Dämonische, bleibt bei ihm ein Mensch, der hin und her gezogen ist. Die unbedingte Achtung der Würde des Menschen wird besonders deutlich in der Schilderung der „Säuberungen“ in der „Nacht der langen Messer“, als zahlreiche SA-Größen erbarmungslos niedergeschossen werden. Mit der Niederschlagung des sog. Röhm-Putsches endet Heidens erster Teil seiner Hitler-Biografie. Sein schriftlicher Umgang damit ist bezeichnend für den Zugang, den Heiden zu Hitler und den Nationalsozialisten sucht. Denn Propagandaberichte des Reiches sprechen davon, dass die SA-Männer bleich und zitternd in den Tod gegangen sind. Das will man gerne glauben. Sind es nicht ohnehin Verlorene, Mörder, Menschen auf der falschen Seite? Doch Konrad Heiden schenkt lieber den Berichten der Davongekommenen Glauben. Sie sprechen davon, wie aufrecht und gefasst jene Männer in ihren letzten Augenblicken waren. Trotz des Grauens und der unfassbaren Vorgänge unter Hitler verliert Heiden nicht den Glauben an Mensch und Würde. Das ist beeindruckend und nötigt Respekt ab.
„Oft gestellte, quälende Frage: Wo nahm der Mitmensch des 20. Jahrhunderts diese Bestialität her?
Man gebe beliebigen hundert Menschen die Erlaubnis, eine Schar menschliche Opfer ohne Strafe zu foltern und auch zu töten, und von den Hundert werden anfangs einige, dann immer mehr und schließlich vielleicht ein Drittel regelmäßig sich die Belustigung des Quälens verschaffen. Das ist eine furchtbare Wahrheit, aber es ist vielleicht der einzige Wert der Konzentrationslager, dass sie diese Wahrheit wieder an den Tag brachten.
Die Schuld liegt bei denen, die die Erlaubnis gaben und die Verantwortung von den Menschen nahmen. Verantwortungslosigkeit führt ohne Entrinnen zum Mord.“ (S. 513)
Konrad Heiden sieht die grausame Wahrheit, aber er verliert den Glauben nicht. Das ist eine Leistung für sich.
Konrad Heiden schreibt klar, verständlich, modern. Objektiv, abwägend, kritisch. Sein Werk ist umfassend recherchiert, er nutzt unzählige Quellen. Eine harte und korrekte Arbeit, der man heute noch Glauben und Gehör schenken muss. Niemand, der sich mit Hitler beschäftigt und eigene Recherchen betreibt, kann über Konrad Heiden und seine Erkenntnisse einfach hinweggehen. Heiden gibt einen verständlichen, chronologischen Ablauf der Ereignisse, nimmt jedoch immer wieder Rückbezug auf bereits Erwähntes, deutet Kommendes vorfühlend an. Dann wieder zweigt er in erhellende Details ab, ohne jedoch den roten Faden zu verlieren. Er spinnt ein vielfädiges Netz aus Informationen, biografischen Details, Beobachtungen, Daten, politischen Verläufen und historischen Ereignissen. Es ergibt sich ein fast ganzheitlich zu nennendes Bild von Person und Zeit Hitlers und der nationalsozialistischen Bewegung. Lesend bewegt man sich im Geiste, um gemeinsam mit Heiden den Versuch des Verstehens zu machen. Kann man das Wesen der Ereignisse überhaupt voll erfassen und begreifen? Konrad Heiden ist dem ziemlich nahe gekommen. Deshalb nimmt sein Text uns mit und bewegt.
Eine klare Leseempfehlung, ein Muss für all jene, die nahe an der Quelle sein möchten, ohne sich hinreißen zu lassen. Nie war es vergnüglicher, die Geschichte aufkeimenden Grauens zu lesen. Und gerade dieses Vergnügen umkleidet etwas, das man kaum erfassen kann, mit dem nötigen, würdevollen Ernst. Ein Widerspruch? Man lese selbst und urteile.


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