Übersetzung Unspoken Sermons I von George MacDonald – Kapitel 4: Es soll nicht vergeben werden

Es soll nicht vergeben werden

   „Und wer da redet ein Wort wider des Menschen Sohn, dem soll es vergeben werden; wer aber lästert den heiligen Geist, dem soll es nicht vergeben werden.“ Lukas 12,10

   Was immer aus dem Bereich des Denkens und des Fühlens in Worten ausgedrückt wird, wird notwendigerweise unvollkommen ausgedrückt. Denn Denken und Fühlen sind unendlich und menschliche Sprache, obwohl von weitreichendem Umfang und wunderbar in Feinheit, kann sie letztlich doch nur annähernd und annäherungsweise verkörpern. Geist und Wahrheit sind wie Lady Una und der Ritter vom Roten Kreuz; menschliche Rede wie der Zwerg, der mit dem „Beutel der Bedarfsgegenstände“ hinter der Lady herhinkt.[1]

   Unser HERR hatte keinen Plan für den Aufbau eines Systems der Wahrheit in intellektuellen Formen. Die Wahrheit des Augenblicks in ihrem Verhältnis zu ihm, DER Wahrheit, war, was er redete. Er redete aus einem Bereich der Wirklichkeiten heraus, welche, wie er wusste, in Formen des Intellekts und der Rede nur angedeutet – nicht wiedergegeben – werden konnten. Mit lebhaften Blitzen des Lebens und Wahrheit durchdringen seine Worte unsere Finsternis, rütteln uns mit spitzen Nadelstichen des Lichts auf, unser Aufwachen zu wollen, von den Toten aufzuerstehen und nach dem Licht zu rufen, welches er geben kann, nicht allein im Aufblitzen von Worten, sondern durch innewohnende Gegenwart und Macht.

   Wie also muss die Wahrheit mit jenen verfahren, welche, weder Ahnung noch Einsicht habend, intellektuelle Systeme auf den Worten unseres HERRN oder denen seiner Jünger aufbauen wollen? Ein kleines Kind würde Platon besser verstehen als sie Paulus verstehen.[2] Die Bedeutung in den großen Herzen derer, welche unseren HERRN kannten, ist zu groß, um in ihre einzutreten. Der Sinn, den sie in den Worten finden, muss klein genug sein, um durch ihre engen Türen zu gehen. Und wenn bloße Worte, ohne die deutende Zuneigung, fast alles bedeuten können, wie sie können, was der Empfänger ihnen zuschreiben will oder kann, wie soll der Mensch, bestenfalls auf die Rettung der eigenen Seele ausgerichtet, zum Beispiel, die Bedeutung der Worte dieses Apostels verstehen, welcher bereit war, die Verbannung aus Christi Gegenwart selbst in Kauf zu nehmen, damit die geliebten Brüder seines Volkes in sie eintreten könnten?[3] Für Menschen, die nicht einfach sind, sind einfache Worte die unerklärlichsten aller Rätsel.

   Wenn wir daran gebunden sind, danach zu suchen, was unser HERR meinte – und er spricht, dass wir verstehen mögen – sind wir schließlich gleichfalls daran gebunden, jede Deutung, welche uns als ihm unähnlich erscheint, auch als ihm unwürdig, abzulehnen. Er selbst sagt: „Warum richtet ihr aber nicht von euch selber, was recht ist?“[4] In solcher Ablehnung mag es geschehen, dass wir, aus Unwissenheit oder Missverstehen, die wörtliche Form ihrer wahren Deutung ablehnen, doch wir können solcherart nicht den Geist und die Wahrheit dessen ablehnen, denn diese hätten wir nicht sehen können, ohne in der Lage zu sein, sie als den Sinn Christi zu erkennen. Einige Missverständnisse, sage ich, einige Täuschungen oder sklavisches Aufrechterhalten alter Vorurteile, mögen uns solcherart veranlassen, die wahre Deutung abzulehnen, doch sind wir nichtsdestoweniger daran gebunden, sie abzulehnen und auf mehr Licht zu warten.[5] Das als Willen unseres HERRN anzuerkennen, was für uns unvereinbar ist mit dem, wofür wir bereits gelernt haben ihn anzubeten, heißt einen Missklang in die Harmonie einzubringen, deren Ziel es ist, unsere Herzen zu einen und sie ganz zu machen.

   „Steht es uns zu“, sagt der Gegner, welcher mit einiger Willensabsicht an das Wort getrennt von der Bedeutung, für welche es steht, glaubt, „den Charakter unseres HERRN zu beurteilen?“ Ich antworte: „Dies ist genau das, was er von uns verlangt.“ Er verlangt von uns, dass wir ihm kein Unrecht tun sollen. Er würde zu uns kommen und bei uns Wohnung nehmen,[6] wenn wir nur unsere Kammern öffnen würden, um ihn zu empfangen. Wie sollten wir ihn empfangen, wenn wir Beurteilung vermeiden, wir noch diese oder jene Pinselei der Autorität oder Tradition als echtes Abbild unseres HERRN an unseren Wänden hängen haben? Ist es letztlich nicht möglich, dass wir, solcherart ein ungerechtes Urteil fällend, indem wir uns selbst schmeicheln, dass wir es ablehnen zu richten, unsere Tür vor dem Meister selbst als einem Betrüger schließen, weil wir ihn nicht ähnlich dem Bild finden, das in unserer Kapelle hängt? Und wenn wir nicht urteilen – demütig und liebevoll – wer wird für uns urteilen? Besser für eine Weile gar die Wahrheit abzulehnen, als, indem wir das in unser intellektuelles Glaubensbekenntnis aufnehmen, was unser Herz nicht empfangen kann, nicht seine wirkliche Form sehend, Zögerlichkeit in unsere Gebete einzuführen, einen Riss in unser Lob und Kummer in unsere Liebe. Wenn es die Wahrheit ist, werden wir sie eines Tages als etwas anderes sehen, als sie jetzt erscheint, und sie lieben, weil wir sie als lieblich erkennen; denn alle Wahrheit ist lieblich. „Nicht für einen unbelehrbaren Geist.“ Doch zuletzt, so antworte ich, für den Geist, welcher diesen Menschen, Jesus Christus, lieben kann; und diesem Teil von uns, welcher ihn liebt, lasst uns folgen und auf seine Beurteilung lasst uns vertrauen; jenseits aller anderen Dinge auf sein Wachstum und seine Erleuchtung durch den HERRN hoffend, welcher dieser Geist ist. Besser, wiederhole ich, die richtige Form abzulehnen, als, indem man sie im Missverständnis dessen, was sie wirklich bedeutet, anerkennt, um den Geist, die Wahrheit, die darin wohnen, abzulehnen. Was davon, frage ich, ist der Sünde gegen den Heiligen Geist ähnlicher? Die Deutung des Sohnes des Menschen falsch aufzufassen, mag einen Menschen wohl mit Traurigkeit erfüllen. Doch sich so wenig um ihn zu kümmern, etwas als seine anzunehmen, was der edelste Teil unserer Natur als niedriggesinnt und ärmlich zurückweist oder als selbstsüchtig und falsch, das ist sicherlich mehr wie die Sünde gegen den Heiligen Geist, die nie vergeben werden kann; denn es ist eine Sünde gegen die Wahrheit selbst, nicht gegen die Verkörperung von ihr in ihm.

   Für ihre volle Bedeutung hängen Worte von ihrer Quelle ab, der Person, welche sie spricht. Eine Äußerung mag gar banal erscheinen, bis man gesagt bekommt, dass solcherart einer sprach, den man als immer nachdenkend, immer fühlend, immer handelnd kennt. Wenn man den Geist erkennt, aus dem die Worte hervorgehen, kennt man den Rahmen, in welchem sie zu verstehen sind. So können die Worte Gottes nicht einfach dasselbe bedeuten wie die Worte des Menschen. „Können wir sie dann also nicht verstehen?“ Ja, wir können sie verstehen – wir können sie mehr verstehen als die Worte von Menschen. Was immer ein gutes Wort, verwendet durch einen guten Menschen, bedeutet, es bedeutet unendlich viel mehr, wenn es von Gott verwendet wird. Und das Empfinden oder der Gedanke, der durch dieses Wort ausgedrückt wird, nimmt höhere und höhere Formen in uns an, wie wir in die Lage kommen, ihn zu verstehen, – das heißt, wie wir werden wie er.

   Ich bin weniger darum besorgt aufzuzeigen, was die Sünde gegen den Heiligen Geist bedeutet, als aufzuzeigen, was die Unvergebenheit bedeutet; obwohl ich denke, dass wir bei einigem Verständnis von beidem ankommen werden. Ich kann mich nicht für einen Augenblick darauf einlassen, dass es dort in der Bibel irgendetwas zu geheimnisvolles gibt, um hineinzusehen;[7] denn die Bibel ist eine Offenbarung, eine Entschleierung. Es ist wahr, dass ich in viele dort geäußerte Dinge nur auf ein Stück des Weges Einsicht habe. Aber das kleine Stück Weg ist der Weg des Lebens; denn die Tiefe ihrer Geheimnisse ist Gott. Auch wenn man die Verpflichtung dieser Angelegenheit beiseiteschiebt und nach Rechtfertigung sucht, als wäre die Verpflichtung zweifelhaft, so gibt es Grund genug dafür, solche Abschnitte wie diesen vor mir zu untersuchen, indem sie oft Marter für menschliche Geister sind, insbesondere für die heiliger Frauen und Kinder. Ich kannte ein Kind, welches glaubte, sie hätte die Sünde gegen den Heiligen Geist begangen, weil sie beim Ankleiden einen unzulänglichen Gebrauch von einer Nadel gemacht hatte. Wagt nicht, mich dafür zu tadeln, dass ich die krankhafte Vorstellung eines Kindes in eine gewichtige Angelegenheit der Theologie einbringe. „Sehet zu, dass ihr nicht eines von diesen Kleinen verachtet.“[8] Wären die Theologen in diesen Angelegenheiten nur so nahe an der Wahrheit wie die Kinder. Krankhafte Vorstellung! Das Kind wusste und war sich bewusst, dass sie wusste, dass sie falsch handelte, weil es ihr verboten worden war. Es gab einen rationalen Grund für ihre Furcht. Wie hätte Jesus das Geständnis eines solchen Herzchens empfangen? Er hätte ihr nicht gesagt, dass sie albern sei und „sich nicht kümmern“ sollte. Kind wie sie war, hätte er nicht zu ihr gesagt „Ich verdamme dich nicht: geh und sündige nicht mehr“?[9]

   Um den ersten Standpunkt zu erreichen, der für das endgültige Erringen unseres Ziels nötig ist, werde ich untersuchen, was die göttliche Vergebung bedeutet. Und um dies auf natürliche Weise zu erreichen, werde ich damit beginnen zu fragen, was die menschliche Vergebung bedeutet; denn, wenn irgendeine Bedeutung in der Fleischwerdung liegt, ist es durch das Menschliche, dass wir zum Göttlichen aufsteigen müssen.

   Ich denke nicht, dass es viel Nutzen hat, für irgendeine ursprüngliche Idee von der Handlung zurück zum griechischen und englischen Wort[10] zu gehen – das eine bedeutet ein Wegschaffen, das andere ein Weggeben. Es genügt, wenn wir auf die Empfindungen schauen, die mit der Übung verknüpft sind, die Vergebung genannt wird.

   Ein Mensch wird sagen: „Ich vergebe, aber ich kann nicht vergessen. Lasst den Kerl nie wieder unter meine Augen kommen.“ Wohin reicht solch eine Vergebung? Zu der Rücknahme oder dem Weglassen der Bestrafungen, welche der, dem Unrecht getan wurde, glaubt, von dem, der das Unrecht getan hat, beanspruchen zu können.

   Doch es gibt kein Wegschaffen des Unrechtes selbst zwischen ihnen.

            Wiederum wird ein Mensch sagen: „Er hat eine sehr gemeine Sache getan, doch er trägt selbst das Schlimmste davon, indem er dazu in der Lage ist, so zu handeln. Ich verachte ihn zu sehr, um nach Vergeltung zu verlangen. Ich werde es nicht beachten. Ich vergebe ihm. Es kümmert mich nicht.“

   Hier gibt es wieder kein Wegschaffen des Unrechts zwischen ihnen – keine Wegnahme der Sünde.

   Ein Dritter wird sagen: „Ich nehme an, ich muss ihm vergeben; denn, wenn ich ihm nicht vergebe, wird Gott mir nicht vergeben.“[11]

   Dieser Mensch kommt der Wahrheit ein wenig näher, insofern, als eine Ebene des Mitgefühls, obwohl nur die der gemeinsamen Sünde, zwischen dem Täter und ihm selbst erkannt wird.

   Ein Weiterer wird sagen: „Er hat mir schmerzhaftes Unrecht getan. Es ist eine furchtbare Sache für mich und noch furchtbarer für ihn, dass er es getan hat. Er hat mich verletzt, doch er hat sich selbst fast getötet. Er soll daraus nicht noch mehr Schaden nehmen, wenn ich ihn bewahren kann. Ich kann nicht mehr dasselbe für ihn empfinden; doch ich werde versuchen, ihn auf das Unrecht aufmerksam zu machen, das er mir getan hat und es so von ihm wegtun. Dann werde ich vielleicht wieder dazu in der Lage sein, für ihn zu empfinden wie zuvor. Für dieses Ziel werde ich ihm alle Freundlichkeit zeigen, die ich kann, sie ihm nicht aufzwingen, aber jede passende Gelegenheit dazu ergreifen; nicht, wie ich hoffe, aus dem Wunsch heraus, mich durch Großzügigkeit ihm gegenüber selbst groß zu machen, sondern weil ich ihn so sehr liebe, dass ich ihn mehr lieben will, indem ich ihn mit sich selbst versöhne. Ich will diese böse Tat, die zwischen uns gekommen ist, zerstören. Ich schaffe sie weg. Und ich will, dass er sie auch zwischen uns zerstört, indem er ihr aufs Äußerste abschwört.“

   Was kommt der göttlichen Idee der Vergebung am nächsten? Näher trotz der Kluft, durch die die Himmel höher sind als die Erde?

   Denn das Göttliche erschafft das Menschliche, hat die schöpferische Kraft über das Menschliche. Es ist die Göttliche Vergebung, die, sich selbst hervorbringend, unsere Vergebung erschafft und deshalb so viel mehr tun kann. Sie kann all unser Unrecht aufnehmen, großes und kleines, mit seiner gerechten Anteilnahme an Trauer und Kummer, und sie forttragen zwischen unserem Gott und uns.

   Christus ist Gottes Vergebung.[12]

   Ehe wir ein wenig näher an diese großartige Aussicht herantreten, lasst uns die menschliche Vergebung in einer eindeutigeren Verkörperung betrachten – wie der zwischen einem Vater und einem Sohn. Denn obwohl Gott so viel mehr für uns ist und uns so viel näherkommt, als ein Vater sein oder kommen kann, ist doch die Vaterschaft die letzthöchste menschliche Stufe, von der aus wir ihn weit entfernt sehen können und worin unsere Herzen zuerst wissen können, dass er nahe ist, er selbst in unseren Herzen.

   Es gibt verschiedene Arten und Abstufungen des Unrechttuns, welche verschiedene Arten und Abstufungen der Vergebung benötigen. Ein Wutausbruch bei einem Kind, zum Beispiel, benötigt kaum Vergebung. Das Unrecht darin mag so klein sein, dass die Eltern das Kind nur zur Selbstbeherrschung anhalten müssen und das Erwachen des Willens gegen das Unrecht. Der Vater wird nicht empfinden, dass solch ein Fehler irgendeine Barriere zwischen ihm und seinem Kind errichtet hätte. Doch nehmen wir an, dass er in ihm eine Gewohnheit von listiger Grausamkeit gegen seine jüngeren Geschwister oder gegen die Tiere des Haushaltes entdeckt hat, wie anders würde er empfinden! Könnte seine Vergebung dieselbe sein wie im ersten Fall? Würde nicht die andere Form des Bösen eine andere Form der Vergebung erfordern? Ich meine, würde die Vergebung nicht die Form der Art von Bestrafung annehmen, die geeignet ist für die Zurechtweisung, in der Hoffnung, letztlich die Bösartigkeit auszumerzen? Könnte echte Liebe in irgendeiner anderen Form der Vergebung sein als in dieser? Ein Durchgehenlassen des Verstoßes mag aus einer armseligen menschlichen Freundlichkeit entspringen, doch niemals aus göttlicher Liebe. Es wäre keine Wegnahme. Vergebung kann niemals Gleichgültigkeit sein. Vergebung ist Liebe gegen das nicht liebenswerte.

   Lasst uns ein wenig näher anschauen, wie ein Vater empfinden mag und seine Empfindungen ausdrückt. Das eine Kind würde der Vater, in dem Moment, wo der Fehler begangen wurde, an seine Brust drücken, wissend, dass genau diese Liebe in ihrem natürlichen Ausdruck den Fehler in ihm zerstören würde und dass es im nächsten Augenblick weinen würde. Der Hass des Vaters auf die Sünde würde in seine mitleidige Zärtlichkeit dem Kind gegenüber ausbrechen, welches so bekümmert darüber wäre, diese Sünde getan zu haben, und sie so zerstören. Der Fehler eines solchen Kindes würde also keine Unterbrechung des Austausches süßer Zuneigungen verursachen. Dem Kind wird sofort vergeben. Doch die Behandlung eines anderen Kindes nach demselben Prinzip wäre völlig verschieden. Wenn es sich schuldig gemacht hätte der Niederträchtigkeit, Gemeinheit, Selbstsucht, Täuschung, Selbstverherrlichung in dem Bösen, das es über andere gebracht hat, könnte der Vater zu sich selbst sagen: „Ich kann ihm nicht vergeben. Das ist jenseits der Vergebung.“ Er mag es so sagen und fortfahren, es zu sagen, während er die ganze Zeit danach strebte, die Vergebung ihren Weg finden zu lassen, dass sie ihn aus der Kluft heben möge, in die er gefallen ist. Seine Liebe müsste noch größer werden, wegen des Abirrens und des Verlustes seines Sohnes. Denn Liebe ist göttlich und also ist sie am göttlichsten, wenn sie entsprechend der Nöte und nicht entsprechend Verdiensten liebt. Doch die Vergebung wäre dabei im Verlauf, sozusagen, oder dabei, sich dem Sünder anzunähern. Nicht bis sein sich öffnendes Herz die göttliche Flut der zerstörenden Zuneigung empfangen hat und seine eigene Zuneigung ausbricht, um ihr zu begegnen und das Böse fortzuschwemmen, könnte gesagt werden, dass es beendet wäre, angekommen ist, könnte dem Sohn nicht gesagt werden, dass ihm vergeben sei.

   Gott vergibt uns jeden Tag – zwischen ihm und uns unsere Sünden wegschaffend und ihren Nebel und ihre Finsternis. Seid Zeuge seiner scheinenden Sonne und vom Fallen seines Regens, dem Sättigen der Herzen mit Nahrung und Freudigkeit, dass er jene liebt, die ihn nicht lieben.[13] Wenn eine Sünde, die wir begangen haben, unseren ganzen Horizont bewölkt hat und ihn vor unseren Augen verborgen hat, wischt er, uns vergebend, ehe uns und damit uns vergeben ist, einen Pfad für diese seine Vergebung frei, damit sie unsere Herzen erreicht, dass sie, indem sie unsere Umkehr bewirkt, das Unrecht zerstört und uns sogar dazu in die Lage versetzt, uns selbst zu vergeben. Denn einige sind zu stolz, um sich selbst zu vergeben, bis die Vergebung Gottes mit ihnen fertig geworden ist, ihren Stolz in den Tränen der Reue ertränkt hat und ihr Herz wieder wie das Herz eines kleinen Kindes hat werden lassen.

   Doch wenn wir so auf die Vergebung schauen als auf die Vervollkommnung eines Werkes, das sich immer fortsetzt, als die Berührung von Gottes und unserem Herzen, trotz und in der Zerstörung  allen dazwischenkommenden Unrechts, können wir sagen, dass Gottes Liebe immer vor seiner Vergebung liegt.[14] Gottes Liebe ist die urgründige Triebkraft, stets danach strebend, seine Vergebung zu vervollkommnen, welche als letztes den menschlichen Zustand für ihre Vollendung benötigt. Die Liebe ist vollkommen, die Vergebung bewirkend.[15] Gott liebt, wo er noch nicht vergeben kann – wo Vergebung im vollen Sinne einfach noch nicht möglich ist, weil keine Berührung der Herzen möglich ist, weil das, was dazwischen liegt, noch nicht begonnen hat, sich dem Kehrbesen seiner heiligen Zerstörung zu beugen.

   Einige Dinge also zwischen Dem Vater und seinen Kindern, wie zwischen einem Vater und seinem Kind, mögen vergleichsweise und in gewissem Sinne gering geachtet werden – ich meine nicht für sich selbst gering geachtet: sie müssen weg – insoweit, als Bösartigkeiten oder Sünden, obwohl sie da sind, noch Raum lassen für das Innewohnen von Gottes Geist im Herzen, das Böse vergebend und wegwaschend. Wenn eines Menschen Böses solcherart aus ihm weicht und er besser und besser wird, ist dies die Vergebung, die mehr und mehr in ihn kommt. Vollkommen in Gottes Willen, vollbringt sie ihr vollkommenes Werk im Geist des Menschen. Wenn der Mensch mit seiner ganzen Natur seine Sünde von sich weist, gibt es keinen Raum mehr für die Vergebung, denn Gott wohnt in ihm und er in Gott.[16] Mit der Stimme Nathans „Du bist der Mann“[17] erfasste die Vergebung Gottes David, das Herz des Königs wurde gedemütigt in den Staub; und als er solcherart aus seiner moralischen Trägheit erwachte, die ihn befallen hatte, entdeckte er, dass er immer noch bei Gott war. „Wenn ich erwache“, sagt er „Bin ich immer noch bei dir.“[18]

   Doch es gibt zwei Sünden, nicht individuellen Handelns, sondern geistlichen Zustandes, welche nicht vergeben werden können; das heißt, wie mir scheint, welche nicht entschuldigt werden können, nicht übersehen werden können, nicht klein gemacht selbst durch die Zärtlichkeit Gottes, insofern, als sie keiner Vergebung erlauben, in die Seele zu gelangen; sie werden keinen guten Einfluss neben sich wirken lassen; sie schließen Gott ganz und gar aus. Deshalb kann der Mensch, der ihrer schuldig ist, in sich niemals die heiligen, erneuernden, rettenden Einflüsse von Gottes Vergebung empfangen. Gott ist in jedem Sinne außerhalb von ihm, außer in dem Sinn, der in seinem schöpferischen Verhältnis zu ihm besteht, wodurch er, Dank sei Gott, immer noch einen Halt an ihm hat, obwohl gegen den Willen des Menschen, welchem nicht vergeben wird. Die eine dieser Sünden ist gegen den Menschen; die andere gegen Gott.

   Die erstere ist Unvergebenheit unserem Nächsten gegenüber; sein Ausschließen von unseren Barmherzigkeiten, von unserer Liebe – also vom Universum, insoweit wir ein Teil dessen sind – das Töten also unseres Nächsten. Es kann ein unendlich geringeres Böses sein, einen Menschen zu ermorden, als es abzulehnen, ihm zu vergeben. Das erstere mag ein Akt augenblicklicher Leidenschaft sein: das letztere ist die Wahl des Herzens. Es ist geistlicher Mord, das Schlimmste, zu hassen, über dem Empfinden zu brüten, das ihn ausschließt, das, in unserem Mikrokosmos, das Bild, die Idee des Gehassten tötet.[19] Wir lauschen der Stimme unseres eigenen verletzten Stolzes oder verletzter Zuneigung (nur das letztere, ohne die Annahme des ersteren, ersinnt kein Böses), der Verletzung durch den Übeltäter. Insoweit wir es können, löschen wir die Lebensbeziehungen zwischen uns aus; wir verschließen den Durchgang der möglichen Rückkehr. Das heißt Gott auszuschließen, das Leben, den Einen. Denn wie können wir die vergebende Gegenwart empfangen, während wir unseren Bruder von unserem Anteil der allumfassenden Vergebung ausschließen, solcherart ablehnend, Gott Alles in Allem sein zu lassen? Wenn Gott uns erscheinen würde, wie könnte er sagen „Ich vergebe dir“, während wir unserem Nächsten gegenüber unvergebend bleiben? Nehmt an, es ist möglich, dass er so sagt; seine Vergebung würde uns nichts nützen, während wir noch nicht von unserer Unvergebenheit geheilt sind. Sie würde uns nicht berühren. Sie würde uns nicht nahekommen. Nein, sie würde uns verletzen, denn wir würden uns selbst sicher und wohl wähnen, während das Grauen der Krankheit unser Herz aus uns herausfressen würde. Zehnfach liegt die Vergebung in den Worten „Wo ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater eure Fehler auch nicht vergeben.“[20] Diese Worte sind tatsächlich Güte. Gott hält den nicht vergebenden Menschen in seiner Hand, doch wendet sein Gesicht weg von ihm. Wenn er, in seinem Wunsch, das Gesicht seines VAters zu sehen, sein eigenes Gesicht seinem Bruder zuwendet, dann wendet sich das Gesicht Gottes um und sucht seines, denn dann kann der Mensch zu Gott aufschauen und wird nicht sterben. Mit unserer Vergebung unserem Nächsten gegenüber fließt das Bewusstsein der Vergebung Gottes in uns; oder auch durch das Bemühen sind wir dazu in der Lage zu glauben, dass Gott uns vergeben kann. Kein Mensch, welcher seinem Nächsten nicht vergeben wird, kann glauben, dass Gott willens ist, ja, wünscht, ihm zu vergeben, kann glauben, dass die Taube des Friedens Gottes über einem verwirrten Herzen schwebt, sich gerne niederließe, aber keinen Ruheplatz für die Sohle ihres Fußes findet.[21] Denn wenn Gott zu solch einem Menschen sagt „Ich kann dir nicht vergeben“, ist es sowohl Liebe als auch Notwendigkeit. Wenn Gott sagte „Ich vergebe dir“, zu einem Menschen, welcher seinen Bruder hasste und wenn (wie es unmöglich ist) diese Stimme der Vergebung den Menschen erreichen sollte, was würde es ihm bedeuten? Wie würde der Mensch es deuten? Würde es ihm nicht bedeuten „Du magst weiter hassen. Es kümmert mich nicht. Du hast ein großes Ärgernis gehabt und bist gerechtfertigt in deinem Hass“? Ohne Zweifel zieht Gott in Betracht, welches Unrecht da ist und welches Ärgernis da ist; doch je mehr Ärgernis, zu desto mehr Verzeihung drängt der Hass, desto mehr Grund, wenn möglich, dass der Hasser aus der Hölle seines Hasses befreit wird, dass Gottes Kind zu dem liebenden Kind gemacht wird, als das Gott haben wollte. Der Mensch würde denken, dass Gott nicht den Sünder liebt, sondern, dass er die Sünde vergab, welche Gott niemals vergibt. Jede Sünde begegnet ihrem vorbestimmten Schicksal – unerbittliche Verbannung aus dem Paradies von Gottes Menschheit. Er liebt den Sünder so sehr, dass er ihm in keiner anderen Weise vergeben kann, als den Dämon, der ihn besetzt, aus seinem Busen zu verbannen, indem er ihn aus diesem Sumpf seines Unrechtes heraushebt.

   Niemand indessen nehme für einen Augenblick an, dass ein Mensch, der einmal abgelehnt hat, seinem Bruder zu vergeben, deshalb zu endloser Unvergebenheit und Nichtvergebung verdammt sein wird. Gemeint ist, dass, während ein Mensch fortfährt in solcher Gesinnung, Gott nicht mit ihm sein kann als sein Freund; nicht, dass er nicht sein Freund sein will, sondern dass die Freundschaft allein auf einer Seite sein wird – der Gottes – und solche Formen annehmen muss, wie der Mensch nicht in der Lage sein wird, sie als Freundschaft zu erkennen. Vergebung, wie ich gesagt habe, ist nicht bloß Liebe, sondern Liebe vermittelt als Liebe an den Irrenden, auf diese Weise Frieden mit Gott herstellend und Vergebung gegen unseren Nächsten.

   Um zu unserem augenblicklichen Text zurückzukehren: Enthält die Ablehnung der Vergebung in sich eine Verdammung zu unverbesserlicher Unbußfertigkeit? Eine seltsame Gerechtigkeit wäre die Verordnung, dass, weil ein Mensch Unrecht getan hat – lasst uns sagen, er hat so oft Unrecht getan und so viel, dass er unrecht ist – er für immer unrecht bleiben soll! Erzählt mir nicht, dass die Verdammung nur negativ ist – ein Überlassen des Menschen an die Folgen seines eigenen Willens oder zumindest ein Abziehen des Geistes von ihm, den er verachtet hat. Gott wird keine Zuflucht hinter solch einer Schwindelei der Logik oder Metaphysik nehmen. Er ist weder Schulmeister noch Theologe, sondern unser Vater im Himmel. Er weiß, dass dies in ihm dieselbe Unvergebenheit wäre, wegen welcher er es ablehnt, dem Menschen zu vergeben. Der einzige vertretbare Grund, solch eine Lehre zu unterstützen, ist, dass Gott nicht mehr tun kann; dass Satan überwunden hat; und dass Jesus, unter seinen eigenen Brüdern und Schwestern nach dem Bild Gottes, weniger stark gewesen ist als der Ankläger, der Zerstörer. Was also sollte ich von solch einer Lehre der Teufel wie dieser sagen, dass selbst wenn ein Mensch Buße getan hat, Gott ihm nicht vergeben könnte oder wollte?

   Lasst uns auf die unentschuldbare Sünde schauen, wie dieses Geheimnis gemeinhin genannt wird, und sehen, was wir herausfinden können, um es zu verstehen.

   Alle Sünde ist unentschuldbar. Es gibt keinen Kompromiss mit ihr. Wir werden nicht herauskommen, ohne sauber zu sein, ohne den äußersten Preis bezahlt zu haben. Doch die besondere Unentschuldbarkeit jener Sünden, der einen, von welcher ich gesprochen habe und der, welche wir jetzt betrachten, liegt in ihrem Ausschließen Gottes von seinem wohlwollenden, seinem insbesondere geistlichen Einfluss auf den Menschen. Im ersten Fall unentschuldbarer Sünde habe ich es möglicherweise zu stark ausgedrückt; möglicherweise hat die Liebe Gottes einigen Anteil selbst in dem Menschen, welcher seinem Bruder nicht vergeben will, obwohl, wenn er fortfährt nicht zu vergeben, dieser Anteil kleiner werden und absterben muss; möglicherweise lässt Groll gegen unseren Bruder noch für eine Weile Raum für einigen göttlichen Einfluss neben ihm, obwohl entweder das eine oder das andere sich eilig beugen muss; doch der Mensch, welcher die Wahrheit leugnet, welcher bewusst der Verpflichtung widersteht, welcher sagt, dass es keine Wahrheit gibt oder dass die Wahrheit, die er sieht, nicht wahr ist, welcher sagt, dass das, welches gut ist, vom Satan ist oder das, welches schlecht ist, von Gott, vorausgesetzt, dass er weiß, dass es gut oder schlecht ist, leugnet den Geist, schließt den Geist aus und ihm kann deshalb nicht vergeben werden. Denn ohne den Geist kann keine Vergebung in den Menschen kommen, um den Satan auszutreiben. Ohne den Geist, der seinem Geist Zeugnis gibt, könnte kein Mensch wissen, dass ihm vergeben ist, selbst wenn Gott ihm erschiene und so sagte.[22] Die völlige Vergebung ist, wie ich gesagt habe, wenn ein Mensch fühlt, dass Gott ihm vergibt; und dies kann nicht sein, während er sich selbst gegen das Wesen von Gottes Willen stellt.

   Soweit wir sehen können, waren die Männer, zu welchen dies gesagt wurde, Männer, welche der Wahrheit widerstanden, mit einer gewissen Vorstellung davon, dass es die Wahrheit war; Männer, die weder von Leidenschaften in die Irre geführt wurden, noch insgesamt geblendet von ihren reichlichen Vorurteilen; Männer, welche nicht getrieben waren, eine Form der Wahrheit zu verdammen wegen der Liebe, welche sie für eine andere Form von ihr hatten; sondern Männer, durch Selbstsucht und Liebe zu ihrem Einfluss, so eingenommen gegen einen, von welchem sie sahen, dass er ein guter Mann war, so dass sie die Güte dessen leugneten, von dem sie wussten, dass es gut war, um den Mann herabzusetzen, von welchem sie wussten, dass er gut war, weil Er gegen sie gesprochen hatte und ihren Einfluss und ihre Autorität beim Volk schädigte, indem er erklärte, dass sie nicht besser waren, wie sie selbst es wussten. Bedeutet dies nicht, Satan zu sein? In der Hölle zu sein? Verdorbenheit zu sein? Das zu sein, was verdammt ist? War nicht dieser ihr Zustand unentschuldbar? Wie, durch all dieses Maß an Falschheit, könnte das Verzeihen Gottes das Wesen ihrer Menschlichkeit darin erreichen? So sehr es nach Gottes Vergebung rief, hatten diese Männer beinahe ihre Menschlichkeit von sich selbst abgetrennt, hatten Teil genommen an den Kräften der Finsternis. Vergebung, während sie solcherart waren, war eine Unmöglichkeit. Nein. Sie müssten da herauskommen, sonst gäbe es kein Wort Gottes für sie. Doch genau das Wort, das ihnen von dem unentschuldbaren Zustand, in welchem sie waren, erzählte, war gerade die eine Form, die die Stimme der Gnade annehmen konnte, um sie zur Buße zu rufen. Sie mussten hören und sich fürchten. Ich wage nicht zu denken, kann nicht denken, dass sie die Wahrheit ablehnten, indem sie vollständig wussten, was sie war; doch ich denke, dass sie die Wahrheit ablehnten, indem sie wussten, dass sie wahr war – nicht getrieben, wie ich gesagt habe, durch wilde Leidenschaft, doch von kalter Selbstliebe und Neid und Gier und Ehrgeiz; nicht bloß wissend Unrecht tuend, sondern ihre ganzen Naturen wissend gegen das Licht stellend. Von dieser Natur musste die Sünde gegen den Heiligen Geist sicherlich sein. „Das ist aber das Gericht“ (nicht die Sünden, die die Menschen begangen haben, sondern der Zustand des Geistes, in welchem sie wählten zu bleiben) „dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse.“[23] In dieser Sünde gegen den Heiligen Geist sehe ich nicht nur eine einzige Handlung, obwohl sie in vielen Handlungen ihren Ausdruck finden muss, sondern einen willentlichen Zustand des Geistes,

            So weit entfernt von Gott und Licht des Himmels,

            Wie dreimal von der Mitte zum äußersten Pol.[24]

   Dafür gibt es keine Entschuldigung, so dass auch nur ein bisschen Licht daneben wirken könnte; denn dort könnte kein Licht Eingang finden noch Raum; Licht war genau das, wogegen ein solcher Geist gesetzt war, nahezu weil er war, was er war. Der Zustand war durch und durch schlecht.

   Doch kann ein Mensch wirklich in solch einen Zustand geistlicher Verderbtheit fallen?

   Das ist meine Hauptschwierigkeit. Doch ich denke, es könnte sein. Und weisere Leute als ich haben so gedacht. Ich habe Schwierigkeit, es zu glauben, sage ich; doch ich denke, es muss so sein. Doch ich glaube nicht, dass es ein feststehender, ein endgültiger Zustand ist. Ich sehe nicht ein, warum er mehr solcherart sein soll als der des Menschen, welcher seinem Nächsten nicht vergibt. Wenn du sagst, dass es ein schlimmeres Vergehen ist, antworte ich, Ist es zu schlimm für die Vergebung Gottes?

   Doch ist Gott in der Lage, noch irgendetwas mit dem Menschen zu tun? Oder wie kann der Mensch jemals aus diesem Zustand herauskommen? Wenn der Geist Gottes aus seinem Herzen ausgeschlossen ist, wie kann er besser werden?

   Der Geist Gottes ist der Geist, dessen Einfluss erkannt wird, indem er unserem Geist Zeugnis gibt.[25] Doch mag es nicht andere Mittel und Wege des Geistes geben, die vorbereitend sind auf dieses sein höchstes Amt beim Menschen? Gott, welcher uns geschaffen hat, kann niemals weit von irgendeinem Menschen sein, welcher den Atem des Lebens einsaugt – nein, er muss in ihm sein; nicht notwendigerweise in seinem Herzen, wie wir sagen, doch immer noch in ihm. Kann nicht also eines Tages eine furchtbare Erschütterung aus der Mitte seines Daseins, ein furchterregendes Erdbeben aus den verborgenen Klüften seiner Natur, solch einen Menschen schütteln, so dass durch all die Taubheit seines Todes die Stimme des Geistes schwach gehört werden mag, die leise, sanfte Stimme, die nach dem Sturm und dem Erdbeben kommt?[26] Mag es nicht ein Feuer geben, das selbst solche fühlen können? Wer will Grenzen setzen dem verzehrenden Feuer unseres Gottes und der Reinigung, die ihm innewohnt?

   Das einzige Argument, an das ich denken kann, welches Gewicht haben würde gegen diese Schlussfolgerung, ist, dass die Abscheu des Gefühls in jedem, welcher solcherart gegen die Wahrheit gesündigt hat, wenn er einst dazu gebracht ist, seine Sünde zu erkennen, so furchtbar wäre, dass das Leben niemals mehr erträglich wäre und das freundlichste, was Gott tun könnte, wäre, solch einen Menschen auszulöschen, weil es besser für ihn gewesen wäre, niemals geboren worden zu sein. Doch er, welcher solch einen Menschen dazu bringen könnte, Buße zu tun, könnte ihn so bekümmert und bescheiden machen und so froh, dass er Buße getan hat, dass er wünschen würde, für immer zu leben, damit er ewig Buße tun und ewig preisen könnte die Herrlichkeit, die er nun schaut. Wenn ein Mensch das Selbst aufgibt, werden seine vergangenen Sünden ihn nicht mehr unterdrücken. Es ist genug für die Lebensgüte, dass Gott lebt, dass der All-vollkommene existiert und dass wir ihn schauen können.

   „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“[27] sagte der Göttliche, seine Mörder entschuldigend, nicht als alles vorüber war, sondern in genau dem Augenblick, als er durch ihre Hände starb. Da hatte Jesus ihnen bereits vergeben. Sein Gebet musste der Vater gehört haben, denn er und der Sohn sind eins. Als der Vater vollzog, sein Gebet zu beantworten, da brach seine Vergebung in den Herzen der Mörder in Kummer, Buße und Glauben aus. Das hier war sicher eine Sünde, die schrecklich genug war – doch leicht zu vergeben für unseren Herrn. All dieses Verzeihen für die fehlgeleitete Bevölkerung! Christus dem Herrn, dir sei Dank dafür! Das war dir ähnlich! Doch müssen wir glauben, dass Judas, welcher Buße tat sogar bis zur Agonie, welcher Buße tat, so dass sein hoch geschätztes Leben, sein Selbst, seine Seele wertlos wurden in seinen Augen und keine Gnade erfuhren durch die eigene Hand, – müssen wir glauben, dass er keine Gnade finden konnte in einem solchen Gott? Ich denke, als Judas aus seinem erhängten[28] und gefallenen Leib entfloh, floh er zur zärtlichen Hilfe Jesu und fand sie – ich weiß nicht wie. Er war jetzt in einem viel hoffnungsvolleren Zustand als in jedem Augenblick seines vergangenen Lebens, denn er hatte nie zuvor Buße getan. Doch ich glaube, dass Jesus Judas liebte, selbst als er ihn mit dem Kuss des Verräters küsste;[29] und ich glaube, dass er immer noch sein Retter war. Und wenn irgendjemand mich an seine Worte erinnert „Es wäre gut für diesen Mann gewesen, wenn er nie geboren wäre“,[30] ich habe sie nicht vergessen, obwohl ich weiß, dass ich nun nichts außer einer mutmaßlichen Erklärung für sie anbiete, wenn ich sage: Judas hatte nichts von dem Guten der Welt, in welche er hineingeboren worden war. Er hat nicht die Erde geerbt. Er hat ein böses Leben gelebt, außerhalb der Harmonie mit der Welt und ihrem Gott. Seine Liebe zu ihm war vergeblich. Er wurde zu dem Sohn Gottes gebracht und hat mit ihm gelebt als sein eigener, vertrauter Freund; und er hat ihn nicht mehr, sondern weniger als sich selbst geliebt. Deshalb ist alles nutzlos gewesen. „Es wäre gut für diesen Mann gewesen, wenn er nie geboren wäre“; denn es musste alles noch einmal versucht werden, auf eine andere Weise – geringer vielleicht, in irgendeiner anderen Welt, in einer niedrigeren Schule. Er musste die Leiter der Schöpfung hinuntergeschickt werden, welche stetig aufsteigt zu ihrem Schöpfer. Doch ich werde nicht, kann nicht glauben, Oh mein HERR, dass du deinem Feind nicht vergeben würdest, gerade wenn er Buße tat und es dir recht tat. Noch werde ich glauben, dass dein heiliger Tod zu kraftlos war, um deinen Feind zu retten – dass er Judas nicht erreichen konnte. Haben wir nicht von denen gehört, deinen Angehörigen, gelehrt von dir, welche ihren Verrätern in deinem Namen leicht vergeben konnten? Und wenn du vergibst, wird deine Vergebung nicht zu guter Letzt ihren Weg finden zu Erlösung und Reinigung?

   Schaut für einen Augenblick auf den Satzteil, der meinem Text vorausgeht: „Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, der wird verleugnet werden vor den Engeln Gottes.“[31] Was bedeutet das? Bedeutet es – „Ah! Du bist mein, aber nicht von meiner Art. Du leugnetest mich. Hinfort in die äußerste Finsternis.“? Nicht so. „Es soll ihm vergeben werden, der gegen den Sohn des Menschen redet“; denn Er ist die offenbarte Wahrheit außerhalb von ihm. Er muss nur Scham vor dem Universum des liebenden Gottes haben und mag das Feuer, das brennt und nicht verzehrt, nötig haben.

   Doch der, der gegen den Geist der Wahrheit spricht, gegen den Sohn Gottes, offenbart innerhalb von ihm, der nun ist jenseits der Lehre dieses Geistes. Denn wie soll ihm vergeben werden? Die Vergebung würde ihn nicht mehr als eine Mauer aus Steinen berühren. Lasst ihn wissen, was es heißt, ohne den Gott zu sein, den er verleugnet hat. Hinfort mit ihm in die Äußerste Finsternis![32] Vielleicht wird ihn das zur Buße bringen.

   Meine Freunde, ich biete dies nur als einen Beitrag zum Verständnis der Worte unseres HERRN an. Doch wenn wir ihn fragen, wird er uns in alle Wahrheit leiten.[33] Und lasst uns nicht Angst haben nachzudenken, denn er wird es nicht übelnehmen.

   Doch was ich gesagt habe, muss zumindest ein Teil der Wahrheit sein.

            Kein Maß an Entdeckungen in seinen Worten kann uns mehr sagen als das, was wir erkannt haben, mehr als das, was wir gesehen haben und von dem wir wissen, dass es wahr ist.[34] Denn alle Hilfe, die die besten seiner Jünger uns geben können, ist nur, damit wir entdecken, für uns selbst sehen. Und jenseits all unserer Entdeckungen in seinen Worten und seinem Wesen liegen Tiefen über Tiefen der Wahrheit, die wir nicht verstehen können und die wir doch stetig verstehen werden. Ja, selbst jetzt scheinen wir manchmal schwache Einblicke in Regionen zu haben, aus welchen wir keine Worte mitbringen können.

   Die Tatsache, dass einige Dinge für uns so viel einfacher geworden sind als sie waren und dass großartige Wahrheiten aus dem gekommen sind, was einst gewöhnlich aussah, ist Grund genug für die Hoffnung, dass solches fortfahren wird unsere Erfahrung zu sein durch all die Zeitalter, die kommen werden. Unser Fortschritt aus unserer einstigen Unwissenheit kann nur einen kleinen Teil der Entfernung ausmachen, die zwischen unserer Kindlichkeit und seiner Mannhaftigkeit liegt und immer liegen muss, zwischen unserer Liebe und seiner Liebe, zwischen unserer Trübheit und seinem mächtigen Schauen. Zu ihm werden wir einst alle kommen, alle Kinder, immer noch Kinder, mehr Kind als zuvor, um von seiner Hand zu empfangen den weißen Stein und auf dem Stein einen neuen Namen geschrieben, welchen niemand kennt, denn der ihn empfängt.


[1] Lady Una und der Ritter vom Roten Kreuz sind Figuren aus Edmund Spensers epischer Dichtung „The Fairy Queen“. In Buch I, Gesang I, Abschnitt VI heißt es: „Behind her far away a Dwarf did lag, / That lazy feem´d in being ever laft, / Or wearied with bearing of her bag / Of needments at his back. …” Lady Una verkörpert in dieser Dichtung die  EINE (daher der Name „Una“) Wahrheit und George MacDonald weist hier dem hinterherlaufenden Zwerg die Rolle unzureichender Sprache zu, die in ihrem Ausdruck der eigentlichen Wahrheit immer nur hinterherhinken kann.

[2] Die Philosophen Sokrates (siehe Anmerkung weiter oben) und sein Schüler Platon gelten in der Tradition der christlichen Theologie als wichtige, heidnische Vordenker. Paulus, selbst ein gebildeter Jude, wird zum Beispiel von Petrus selbst attestiert, dass er für manche schwer zu verstehen ist und seine Lehre deshalb oft missverstanden würde. 

[3] Römer 9,3

[4] Lukas 12,57

[5] Gemeint sind wörtliche Deutungen der biblischen Schriften oder ihre übertragene Auslegung. Beides kann in verschiedenen Fällen dem Geist des Christus entsprechen oder nicht. Manche Verse sind tatsächlich wörtlich zu nehmen, andere bedürfen einer tieferen Deutung.

[6] Lukas 24,29 / 2. Brief des Johannes, Vers 2

[7] Rätselhafte Bibelstellen wie die von der Sünde gegen den Heiligen Geist beschäftigen schon seit Generationen die Gläubigen. MacDonald glaubt, dass der Mensch Stück für Stück die Geheimnisse Gottes verstehen kann, je näher er dem Wesen Gottes kommt, je ähnlicher er Christus wird. Ein Gedanke, den durchaus nicht alle Theologen und Gläubigen teilten und teilen. Viele nahmen / nehmen eher an, dass es Mysterien Gottes gibt, die kein Mensch jemals erfassen kann, ganz gleich, wie nahe er Gott ist.

[8] Matthäus 18,10

[9] Johannes 8,11

[10] Griech.: συγχωρώ / Englisch: to forgive – vergeben / give – geben, Wortspiel – dem Deutschen in diesem Fall sehr ähnlich

[11] Matthäus 6,15

[12] 1. Brief des Johannes 2,2

[13] Matthäus 5,45

[14] Römer 5,8

[15] 1. Brief des Johannes 4,18

[16] 1. Brief des Johannes 3,24

[17] 2. Samuel 12,7

[18] Psalm 139,18

[19] Siehe Bergpredigt – Matthäus, Kapitel 5ff

[20] Matthäus 6,15

[21] 1. Mose 8,9

[22] 1. Brief des Johannes 5,6

[23] Johannes 3,19

[24] Zitat aus „Paradise Lost“ von John Milton, Buch I, Verse 73 und 74: „As far removed from God and light of heaven, / As from the centre thrice to the utmost pole.” Eine Beschreibung der Hölle.

[25] Römer 8,16

[26] 1. Könige 19,11-13

[27] Lukas 23,34

[28] Matthäus 27,5

[29] Lukas 22,48

[30] Matthäus 26,24 / Markus 14,21

[31] Lukas 12,9

[32] Die Redewendung „hinaus in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern“ wird besonders im Matthäusevangelium immer wieder verwendet – so zum Beispiel in Matthäus 8,12 / Matthäus 22,13 / Matthäus 25,30.

[33] Johannes 16,13

[34] 1. Brief des Johannes 1,1