Übersetzung Unspoken Sermons I von George MacDonald – Kapitel 5: Der neue Name

Der neue Name

   „Wer überwindet, dem will ich geben einen weißen Stein und auf dem Stein einen neuen Namen geschrieben, welchen niemand kennt, denn der ihn empfängt.“ Offenbarung 2,17

   Ob das Buch der Offenbarung vom selben Mann geschrieben ist, welcher das Evangelium nach Johannes schrieb, oder nicht, es gibt zumindest ein Element, das beiden gemein ist – das Mystische.[1]

   Ich gebrauche das Wort Mystisch als Darstellung einer bestimmten Art, die Wahrheit zu verkörpern, in verschiedenen Abstufungen fast allen, wenn nicht gar allen, Schreibern des Neuen Testamentes gemein. Der Versuch, das gründlich zu definieren, würde nach einem eigenen Essay verlangen. Ich will nur einen Hinweis in diese Richtung riskieren: Ein mystischer Geist ist einer, welcher, nachdem er wahrgenommen hat, dass der höchste Ausdruck, welchen die Wahrheit zulässt, in der Sinnbildlichkeit der Natur und der menschlichen Gebräuche, die aus menschlichen Notwendigkeiten folgen, liegt, den Gedanken über die so verkörperte Wahrheit verfolgt, indem er mit den Sinnbildern selbst nach logischen Formen verfährt. Dies ist die höchste Form, die tiefste Wahrheit zu vermitteln; und der HERR selbst gebrauchte sie oft, wie zum Beispiel in dem gesamten Abschnitt, der mit den Worten endet „Wenn also das Licht in dir Finsternis ist, wie groß wird die Finsternis sein!“[2]

   Das Mystische im Evangelium nach Johannes ist von der einfachsten und deshalb edelsten Natur. Kein Bewohner dieses Planeten kann sich ein Verfahren zur Verkörperung der Wahrheit vorstellen, das reiner, erhabener, wahrhaftiger im Verhältnis zur verkörperten Wahrheit wäre. Es mag höhere Formen in anderen Welten geben oder auch nicht – ich kann es nicht sagen; doch von all unseren Formen sind diese die besten Veranschaulichungen des Höchsten. Offenbar befähigte das Mystische in Johannes eigener Natur ihn, mit hinreichender Genauigkeit die Worte unseres HERRN zu erinnern und zu berichten, immer, scheint mir, von einer erkennbar verschiedenen Art gegenüber der irgendeines anderen Schreibers des Neuen Testamentes – hauptsächlich vielleicht in der Einfachheit ihres poetisch Mystischen.

   Doch das Mystische im Buch der Offenbarung ist komplizierter, prächtiger, weniger poetisch und gelegentlich, denke ich, vielleicht eigenwillig oder sich der Eigenwilligkeit annähernd; es erinnert einen, in einem Wort, an das Mystische Swedenborgs.[3] Sowohl historische als auch literarische Kritik beiseite lassend, in welchen beiden ich in Hinsicht auf die Autorenschaft dieser beiden Bücher nicht einmal ein Recht auf eine Meinung habe, würde ich wagen zu behaupten, dass der Unterschied ihres Tones möglicherweise nur das ist, was man erwarten würde, wenn der Historiker eines mystischen Lehrers und der Berichterstatter seiner mystischen Aussprüche, dazu fortschreitet, seine eigenen Gedanken, Empfindungen und Eingebungen zu verkörpern; das heißt, wenn die Offenbarung nicht mehr länger von den Lippen des Meisters fließt, sondern durch eigenes Herz, Seele und Hirn des Jüngers. Denn sicherlich wagen selbst die götzendienerischsten unter unseren Bibel-anbetenden Brüdern und Schwestern nicht zu behaupten, dass der Geist Gottes ebenso frei spricht durch die Lippen des windgeschüttelten, schilfbeugsamen, tadelnswerten Petrus oder durch die des Thomas, welcher seinen eigenen Augen glauben konnte, doch weder dem Wort seiner Brüder, noch der Natur seines Meisters, wie durch die Lippen Dessen, welcher blind und taub war gegen alles außer gegen den Willen dessen, der Ihn sandte.

   Wahrheit ist Wahrheit, ob von den Lippen Jesu oder Bileams.[4] Doch in ihrem tiefsten Sinne ist die Wahrheit ein Zustand des Herzens, der Seele, des Geistes und der Stärke gegenüber Gott und gegenüber unserem Nächsten – nicht eine Äußerung, nicht einmal eine richtige Form der Worte; und deshalb ist solche Wahrheit, die in Worten hervorbricht, in gewissem Sinne die Person, die spricht. Und viele der Äußerungen in der Offenbarung, gemeinhin als die des Johannes bezeichnet, sind nicht bloß erhaben in ihrer Form, sondern tragen in sich die Überzeugung, dass der Schreiber nicht nur eine „Posaune der Prophezeiung“[5] war, sondern redete, was er wusste und bezeugte, was er gesehen hatte.[6]

   In diesem Abschnitt über die Gabe des weißen Steins, denke ich, finden wir das Wesen der Religion.

   Welche Vorstellung in Bezug auf den weißen Stein im Sinn des Schreibers war, denke ich, ist von vergleichsweise geringer Bedeutung. Ich nehme den Stein eher für eine Eigenwilligkeit und Fantasie als für wahre mystische Vorstellung, obwohl er für das Hervorbringen des mystischen Gedankens, mit welchem er sich befasst, von hoher und ehrenvoller Würdigkeit ist. Denn die Fantasie selbst wird der wahren Vorstellung des Mystischen dienlich und auf diese Weise verherrlicht. Ich bezweifle, ob der Schreiber selbst irgendeine wesentliche Bedeutung damit verband. Ich glaube sicher nicht, dass er solch einen armseligen Gedanken dabei hatte wie an den eines Abstimmungs-Steins[7] – von weißer Farbe, weil der Mensch, welcher ihn empfängt, angenommen oder auserwählt ist. Das Wort wird in ähnlicher Weise für einen wertvollen Stein, verwendet als Juwel, benutzt. Und der Schreiber dachte in mystischer Weise daran, eine Form, die viel eher einen Bezug zur Natur als zu politischen Bräuchen beinhaltet. Was seine mystische Bedeutung sein mag, muss von verschiedenen Geistern verschieden aufgefasst werden. Ich denke, er sieht in seinem Weiß Reinheit und in seiner Stofflichkeit Unzerstörbarkeit. Doch mir liegt hauptsächlich daran, den Stein als Träger des Namens zu betrachten – als die Form, durch die der Name als von Gott an den Menschen überreicht dargestellt wird und was in dieser Mitteilung enthalten ist, wünsche ich aufzuzeigen. Wenn mein Leser meine Darstellung nicht als den Sinngehalt des Johannes anerkennen will, hoffe ich dennoch, sie so vorzubringen, dass er die Darstellung als wahr in sich selbst erkennen wird und dann werde ich die Auslegung bereitwillig ihrem Schicksal überlassen.

   Ich sage in Kürze, dass die Gabe des weißen Steins mit dem neuen Namen die Mitteilung dessen an den Menschen ist, was Gott über den Menschen denkt. Es ist das göttliche Urteil, die ernste heilige Bestimmung des gerechten Menschen, das „Kommt ihr Gesegneten“,[8] dem Einzelnen zugesprochen.

   Um dies zu sehen, müssen wir zuerst verstehen, was die Idee eines Namens ist – das heißt, was die vollkommene Vorstellung von einem Namen ist. Denn, wenn man sieht, dass hier die mystische Kraft eines geheiligten Geistes davon spricht, dass Gott etwas gibt, müssen wir verstehen, dass die grundlegende Sache, und nicht irgendeine ihrer Nebenfälle oder ihrer Nachahmungen, gemeint ist.

   Ein Name von gewöhnlicher Art in dieser Welt hat nichts Grundlegendes in sich. Er ist nur eine Bezeichnung, durch welche ein Mensch und ein Bruchstück seiner äußeren Geschichte von einem anderen Menschen und dessen Bruchstück seiner Geschichte unterschieden werden. Die einzigen Namen, welche Aussagekraft haben, sind jene, welche das öffentliche Urteil oder Vorurteil oder der Humor verleihen, entweder zum Spott oder zur Ehre, für einige Wenige von Vielen. Jeder von diesen gründet sich auf einige äußere Merkmale des Menschen, auf einige hervorstehende Einzigartigkeiten des Gemüts, einige Vorzüglichkeiten oder Kehrseiten des Charakters oder etwas, was er getan hat oder gut oder schlecht genug oder zumindest einzigartig genug, um ihn in den Augen der Leute solch einer Auszeichnung vor anderen Menschen würdig zu erweisen. Insoweit sind sie wirkliche Namen, denn in etwas geringem Maße drücken sie Einzigartigkeit aus.

   Der wahre Name ist einer, welcher den Charakter, die Natur, das Wesen, die Bedeutung der Person, welche ihn trägt, ausdrückt. Es ist des Menschen eigenes Sinnbild, – das Bild seiner Seele, in einem Wort, – das Zeichen, welches zu ihm und niemandem sonst gehört. Wer kann einem Menschen dies geben, seinen eigenen Namen? Gott allein. Denn niemand außer Gott sieht, was der Mensch ist oder kann gar, indem er sieht, was er ist, in einem Namens-Wort die Summe und den Einklang dessen, was er sieht, ausdrücken. Wem wird dieser Name gegeben? Dem, der überwindet. Wann wird er gegeben? Wenn er überwunden hat. Weiß Gott dann nicht, was ein Mensch werden wird? So sicher, wie er die Eiche sieht, welche er in das Herz der Eichel gelegt hat. Warum also wartet er, bis der Mensch durch die Überwindung geworden ist, ehe er festlegt, was sein Name sein soll? Er wartet nicht; er weiß seinen Namen von Anfang an. Doch wie – obwohl Buße kommt, weil Gott vergibt – der Mensch erst der Vergebung gewahr wird in der Buße; so ist es auch, dass nur wenn der Mensch sein Name geworden ist, Gott ihm den Stein mit dem Namen darauf gibt, denn dann kann er zum ersten Mal verstehen, was sein Name bedeutet. Es ist das Erblühen, die Vollkommenheit, die Vervollständigung, die den Namen bestimmt; und Gott sieht das von Anfang an voraus, weil er es so gemacht hat; doch der Baum der Seele, bevor seine Blüte kommt, kann nicht verstehen, welche Blüte er tragen soll und könnte nicht wissen, was das Wort meinte, welches, indem es seine eigene nicht erreichte Vervollständigung darstellt, ihn selbst benennte. Solch ein Name kann nicht gegeben werden, bis der Mensch der Name ist.           

   Gottes Name für einen Menschen muss also der Ausdruck in einem mystischen Wort – ein Wort von der Sprache, welche alle, die überwunden haben, verstehen – von seiner eigenen Idee des Menschen sein, das Wesen, welches er in seinen Gedanken hatte, als er begann, das Kind zu erschaffen und welches er in seinen Gedanken bewahrte, durch den langen Verlauf des Erschaffens hindurch, der die Idee zu verwirklichen unternahm. Den Namen auszusprechen heißt, den Erfolg zu besiegeln – zu sagen „Auch an dir habe ich Wohlgefallen.“[9]

   Doch wir befinden uns immer noch auf dem Gebiet der Sinnbildlichkeit. Denn in der Annahme, dass solch eine Form tatsächlich zwischen Gott und dem, der überwindet, eingehalten würde, wäre es nicht weniger ein Sinnbild – nur eben ein ausgeführtes. Wir müssen deshalb noch tiefer schauen für die Fülle seiner Bedeutung. Bis zu diesem Punkt ist wenig gesagt worden, um unsere Erwartungen, in dem Text etwas zu entdecken, zu rechtfertigen. Lasst uns, sage ich, tiefer schauen. Wir werden nicht lange schauen müssen, bis wir herausfinden, dass das mystische Sinnbild als Mitte seiner Bedeutung die Tatsache der persönlichen, individuellen Beziehung eines jeden Menschen zu seinem Gott enthält. Dass jeder Mensch Angelegenheiten, und jene seine vordringlichsten Angelegenheiten, mit Gott hat, leuchtet jedem Menschen ein, welcher irgendeine Bedeutung oder irgendein Empfinden mit den Worten Schöpfer, Vater, Gott verbindet. Wären wir Kinder nur eines Tages mit dem Verständnis dafür, dass jemand uns diesen einen Festtag gegeben hat, dann gäbe es etwas zu denken, zu fühlen, zu tun, weil wir es wüssten. Denn dann wäre unsere Natur entsprechend unserem Schicksal und wir könnten anbeten und sterben. Doch es wäre nur das Lob der Toten, nicht das Lob der Lebenden, denn der Tod wäre das Tiefste, das Andauerndste, das Überwinden. Wir wären aus dem Nichts getreten, nicht aus Gott. Er könnte nur unser Schöpfer, nicht unser Vater, unser Ursprung sein. Doch jetzt wissen wir, dass Gott nicht der Gott der Toten sein kann – er muss der Gott der Lebenden sein;[10] insoweit als zu wissen, dass wir gestorben sind, würde das Herz der Anbetung einfrieren und wir könnten nicht sagen Unser Gott oder ihn solcher Wertschätzung würdig empfinden, wie wir sie sonst erweisen könnten. Dem, welcher diesem Gott der Lebenden sein eigenes Selbst zum Opfer darbietet, dem, der überwindet, dem, welcher sein eigenes Leben zurück zu seiner Quelle gebracht hat, welcher weiß, dass er eines von Gottes Kindern ist, diesem aus der Schöpfung des Vaters, gibt er den weißen Stein. Dem, welcher die Leiter all seiner Gott-geborenen Mühen und Gott-gegebenen Siege zu den Höhen seines Seins erklimmt – auf dass er von Angesicht zu Angesicht[11] sein ideales Selbst im Busen des Vaters erblickt –  Gottes ihm, erkannt in ihm durch des Vaters Liebe in der Hingabe des Älteren Bruders[12] – ihm gibt Gott den neu aufgeschriebenen Namen.

   Doch ich verlasse diesen Punkt, weil das, was folgt, diese Einzigartigkeit der Beziehung in einer vollständigeren Entfaltung der Wahrheit erfasst und verstärkt. Denn der Name ist einer „welchen niemand kennt, denn der ihn empfängt“. Also hat nicht nur jeder Mensch seine eigene Beziehung zu Gott, sondern jeder Mensch hat seine besondere Beziehung zu Gott. Er ist für Gott ein besonderes Wesen, geschaffen nach seiner eigenen Art und nicht in der eines anderen; denn, wenn er vervollkommnet ist, wird er den neuen Namen empfangen, welchen niemand anderer verstehen kann. Daher kann er Gott anbeten, wie niemand anderer ihn anbeten kann, – kann er Gott verstehen, wie niemand anderer ihn verstehen kann. Dieser oder jener Mensch mag Gott mehr verstehen, mag Gott besser verstehen als er, doch kein anderer Mensch kann Gott so verstehen wie er ihn versteht. Gott gebe mir die Gnade, mich vor dir zu demütigen, mein Bruder, dass ich nicht mein Trugbild von dir vor den Richterstuhl des ungerechten Richters zerre, sondern zu dir aufschaue, welche Offenbarung von Gott du und niemand anderer geben kannst. Wie die Föhre sich mit weit anderen Bedürfnissen abhebt von den Bedürfnissen des Palmenbaums, so steht auch jeder Mensch vor Gott und erhebt ein ganz anderes Menschsein zum gemeinsamen Vater. Und für jeden hat Gott eine andere Antwort. Mit jedem Menschen hat er ein Geheimnis – das Geheimnis des neuen Namens. In jedem Menschen gibt es eine Einsamkeit, eine innere Kammer besonderen Lebens, in welche nur Gott eintreten kann. Ich sage nicht, dass es die innerste Kammer[13] ist – doch es ist eine Kammer, in welche weder ein Bruder noch eine Schwester kommen kann.

   Daraus folgt, dass es auch eine Kammer gibt – (Oh Gott, demütige meine Rede und nimm dich ihrer an) – eine Kammer in Gott selbst, in welche niemand eintreten kann außer der eine, der Einzelne, der besondere Mensch, – aus welcher Kammer dieser Mensch Offenbarung und Stärkung für seine Brüder bringen muss. Dies ist es, wofür er geschaffen wurde, – um die geheimen Dinge des Vaters zu offenbaren.

   Durch seine Erschaffung also ist jeder Mensch abgeschieden bei Gott; jeder kann in Hinsicht auf seine besondere Machart sagen „mein Gott“; jeder kann allein zu ihm kommen und mit ihm von Angesicht zu Angesicht sprechen, wie ein Mensch mit seinem Freund spricht.[14] Es gibt keine Menschenmenge bei Gott. Wenn er von versammelten Menschen spricht, dann ist es der geistliche Leib, nicht eine Masse. Denn in einem Leib ist jeder kleinste Teil für sich und deshalb in der Lage, einen Teil des Leibes zu bilden.[15]

   Seht jetzt, was für eine Bedeutung die Sinnbildlichkeit unseres Textes annimmt. Jeder von uns ist eine andere Blume oder ein anderer Baum in dem geistlichen Garten Gottes – kostbar, jeder um seiner selbst willen, in den Augen dessen, welcher uns auch jetzt erschafft, – jeder von uns gewässert, beschienen und gefüllt mit Leben, um seiner Blüte willen, sein vervollständigtes Wesen, welches zuletzt aus ihm blühen wird zur Herrlichkeit und Freude des großen Gärtners. Denn jeder trägt in sich ein Geheimnis der Göttlichkeit; jeder wächst hin zu der Offenbarung dieses Geheimnisses für ihn selbst und so, entsprechend seinem Maß, zum vollen Verständnis des Göttlichen. Jeden Augenblick, in dem er seinem wahrhaftigen Selbst treu ist, bricht ein neuer Schein des weißen Steins vor seinem inneren Auge auf, ein frischer Kanal wird nach oben hin geöffnet zur kommenden Herrlichkeit der Blüte, die bewusste Hingabe seines ganzen Wesens in Schönheit an seinen Schöpfer. Jeder Mensch also ist in Gottes Augen wertvoll. Leben und Handeln, Denken und Absicht sind geheiligt. Und was für ein Ziel liegt vor uns! Ein Bewusstsein unseres eigenen idealen Wesens aus den Gedanken Gottes leuchtet in uns auf! Gewiss möchten wir dafür gerne all unser dürftiges Selbstbewusstsein, unsere Selbstbewunderung und unser Selbstlob aufgeben! Gewiss wird, zu kennen, was er über uns denkt, alle unsere Gedanken über uns selbst in unseren Seelen verblassen lassen! Und wir möchten sie jetzt ganz lose festhalten und bereit sein, sie loszulassen. Diesem Ergebnis war Paulus bereits nahegekommen, als er, welcher seinen Wettlauf mit einem bitteren Ruf nach Erlösung von seinem Leib des Todes[16] begonnen hatte, in der Lage war zu sagen, dass er sich selbst nicht länger beurteilt.[17]

   „Doch beinhaltet solche Lehre nicht die schlimmste aller Gefahren – die Gefahr geistlichen Stolzes?“ Wenn es so wäre, sollten wir den Geist wegen der Angst vor Stolz ablehnen? Oder gibt es irgendeine andere Befreiung von Stolz außer durch den Geist? Stolz entspringt dem vermeintlichen Erfolg im hohen Ziel: mit der tatsächlichen Errungenschaft kommt Demut. Doch hier gibt es keinen Raum für Ehrgeiz. Ehrgeiz ist das Verlangen, über seinem Nächsten zu sein; und hier gibt es keine Möglichkeit des Vergleichs mit seinem Nächsten: niemand weiß, was der weiße Stein enthält außer dem Menschen, welcher ihn empfängt. Hier gibt es Raum für endloses Aufstreben zum nichtsichtbaren Ideal hin; keinen für Ehrgeiz. Ehrgeiz wollte nur höher sein als andere; Aufstreben wollte Höhe sein. Der verhältnismäßige Wert ist nicht nur unbekannt – für die Kinder des Reiches ist er unerkennbar. Jeder schätzt den anderen höher als sich selbst.[18] Wie sollte die Rose, das glühende Herz der Sommerhitze, jubeln gegen das Schneeglöckchen, das mit hängendem Kopf aus dem weißen Busen des Schnees erstanden ist? Beide sind Gottes Gedanken; beide sind ihm teuer; beide sind notwendig zur Vervollkommnung seiner Erde und für die Offenbarung seiner selbst. „Gott hat dafür gesorgt, mich für sich selbst zu erschaffen“, sagt der Sieger mit dem weißen Stein „und hat mich nach dem genannt, was mir am liebsten ist; denn mein eigener Name muss sein, was ich wollte, indem ich sehe, dass er ich selbst ist. Was spielt es für eine Rolle, ob ich ein Gras des Feldes genannt werde oder ein Adler der Lüfte? Ein Stein, um in seinem Tempel verbaut zu werden oder ein Boanerges,[19] um seinen Donnerhall zu schwingen? Ich bin sein; seine Idee, seine Schöpfung; vollkommen in meiner Art, ja, vollkommen in seinen Augen; voll von ihm, ihn offenbarend, allein bei ihm. Lasst ihn mich nennen, was er will. Der Name wird kostbar sein wie mein Leben. Ich verlange nicht mehr.“

   Dann wird alle Furcht vergangen sein, was sein Nächster über ihn denken mag. Es ist genug, dass Gott an ihn denkt. Etwas für Gott zu sein – ist das nicht Lob genug? Etwas zu sein, für das Gott sorgt und für sich selbst vervollständigen wollte, weil es würdigt ist, dass für es gesorgt wird – ist das nicht Leben genug?

   Noch wird er solcherart abgesondert sein von seinen Gefährten. Denn was wir von dem einen sagen, sagen wir von allen. Es ist als Eines, dass der Mensch Ansprüche unter seinen Gefährten hat. Jeder wird die Heiligkeit und Ehrfurcht der verborgenen und stillen Unterredung seines Nächsten mit seinem Gott fühlen. Jeder wird den anderen als einen Propheten betrachten und auf ihn achten für das, was der Herr gesprochen hat. Jeder wird, als ein Hohepriester aus dem Allerheiligsten zurückkehrend,[20] von dieser Gemeinschaft manches an froher Botschaft, manches vom Evangelium der Wahrheit mitbringen, welches, wenn es gesprochen wird, seine Nächsten empfangen und verstehen werden. Jeder wird in dem anderen ein Wunder der Offenbarung schauen, einen gegenwärtigen Sohn oder Tochter des Allerhöchsten, von ihm ausgehend, um ihn neu zu offenbaren. In Gott wird jeder jedem nahekommen.

   Ja, da wird Gefahr sein – Gefahr wie überall; doch er gibt mehr Gnade. Und wenn der Mensch, welcher auf die Höhen gestrebt ist, doch von ihnen in die Tiefen fallen sollte, ist dort nicht das Feuer Gottes, das verzehrende Feuer, welches brennt und nicht zerstört?

   Niemandem, welcher nicht schon manche Unterredung mit Gott hatte oder welcher nicht zumindest ein Aufstreben hin zur Quelle seines Seins gefühlt hat, kann all dies als nichts anderes erscheinen als Torheit. So sei es.

   Doch, Herr, hilf ihnen und uns und lass unser Sein in dein Abbild hineinwachsen. Selbst wenn es durch Zeitalter des Mühens und Zeitalter des Wachstums geschieht, lass uns doch zuletzt dein Angesicht sehen und den weißen Stein von deiner Hand empfangen. Dass wir solcherart wachsen mögen, gib uns Tag für Tag unser tägliches Brot.[21] Füll uns mit den Worten, die aus deinem Mund hervorgehen. Hilf uns anzuhäufen Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fressen. 


[1] Während sich die Forschung weitgehend einig darüber ist, dass das Evangelium nach Johannes und die drei Johannesbriefe denselben Autor haben oder zumindest in derselben johanneischen Tradition stehen, da sich bestimmte Fomulierungen und Themen sowohl im Evangelium als auch besonders im ersten Brief wiederfinden, ist man sich bei der Autorschaft der Offenbarung nicht sicher. Konvervativ aufgefasst kann man die andere Art des Ausdrucks in der Apokalypse auch durch die andere Art von Text begründen und trotzdem denselben Autor annehmen. Selbst wenn das letzte Buch der Bibel nicht von Johannes geschrieben wurde, so weisen Offenbarung und Evangelium des Johannes denselben „Geist“ auf, was George MacDonald hier als das Mystische (orig. mysticism) beschreibt. In diesem Zusammenhang bedeutet es nichts anderes, als dass historischen Ereignissen eine geistliche Bedeutung zugeordnet wird. Ereignisse werden nicht nur berichtet, sondern durch Bilder ausgedeutet und erklärt und in einen größeren, göttlichen Zusammenhang gestellt. Dies trifft eben insbesondere für das Evangelium nach Johannes und die Apokalypse zu.

[2] Matthäus 6,23

[3] Emanuel Swedenborg (1688 – 1772) – schwedischer Wissenschaftler und Mystiker

[4] 4. Mose, Kapitel 22

[5] Zitat aus Percy Bysshe Shelleys „Ode to the West Wind” (1820). Dort heißt es in den letzten zwei Zeilen: „The trumpet of a prophecy! O Wind, / If Winter comes, can Spring be far behind?” Gemeint ist der kalte Westwind, der Herbst und Winter ankündigt.

[6] Johannes 3,11

[7] wörtl. „Wahl-Kiesel“ – Anspielung auf das Athenische Scherbengericht zur Verbannung einer Person aus der Polis

[8] Matthäus 25,34

[9] Matthäus 3,17 / Matthäus 17,5 / Markus 1,11 / Lukas 3,22

[10] Matthäus 22,32 / Markus 12,27 / Lukas 20,38

[11] 1. Korinther 13,12 „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht.“

[12] Siehe weiter oben Anmerkung 6 zum Gleichnis vom Verlorenen Sohn und der Rolle des älteren Bruders, hier ist mit dem Älteren Bruder wohl Christus selbst gemeint.

[13] Matthäus 6,6 – Die Bilder von einer Kammer verborgenen Gebetes, einer verborgenen Herzenskammer und dem Allerheiligsten des Tempels, in dem Gott wohnt und dem Menschen begegnet, werden hier bewusst vermischt.

[14] 2. Mose 33,11

[15] Römer 12,4-5

[16] Römer 7,24

[17] 1. Korinther 4,3

[18] Philipper 2,3

[19] Boanerges = „Donnersohn“ – zwei der Jünger Jesu, Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, wurden auf Grund ihres Eiferns so genannt (Markus 3,17).

[20] Siehe Hebräer, Kapitel 9

[21] Matthäus 6,1