Übersetzung Unspoken Sermons I von George MacDonald – Kapitel 6: Das Herz beim Schatz

Das Herz beim Schatz

   „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe nachgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fressen und da die Diebe nicht nachgraben und stehlen. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“ Matthäus 6,19-21

Die Worte unseres HERRN zu verstehen ist Lebensaufgabe. Denn es ist der Hauptpfad zum Verstehen dessen, der selbst das Wort ist. Und ihn zu empfangen heißt, den Vater zu empfangen und so Leben in uns selbst zu haben.[1] Und Leben, das höhere, das tiefere, das einfachere, das ursprüngliche, ist die Lebensaufgabe.

   Das Wort ist dieses, durch welches wir leben,[2] nämlich Jesus selbst; und seine Worte stellen, zu einem Teil, als Schatten, als Andeutung, ihn selbst dar. Jede Äußerung, die es wert ist, eine Wahrheit genannt zu werden, ist menschliche Nahrung: wieviel mehr Das Wort, keine abstrakten Regeln unseres Daseins darstellend, sondern das lebendige Verhältnis von Seele und Leib, Herz und Wille, Stärke und Freude, Schönheit und Licht, zu Ihm hin, welcher sie zuerst geboren hat! Der Sohn erschien, um zu sein, vor unseren Augen und in unseren Herzen, wozu er uns erschaffen hat, dass wir die Wahrheit in ihm schauen möchten[3] und nach dem lebendigen Gott rufen, welcher, im allerhöchsten Sinne, DIE Wahrheit ist, nicht als verstanden, sondern als Verstehen, Leben und Sein, die Wahrheit tuend und erschaffend. „Ich bin die Wahrheit“,[4] sprach unser HERR; und durch jene, welche in einem gewissen Maße sind wie er, die Wahrheit seiend, kann das Wort verstanden werden. Lasst uns versuchen, ihn zu verstehen.

   Ohne Zweifel hätte der Retter manchmal in einer anderen Weise der Rede gesprochen, wenn er zu den Englischen gekommen wäre, anstatt zu Juden. Doch die Lehren, die er gab, wären dieselben gewesen; denn, selbst wenn er zu einer Angelegenheit von beiläufiger Wichtigkeit befragt wurde, enthielt seine Entgegnung die Verkündung des großen menschlichen Prinzips, welches darin lag und das unveränderlich in jeder Abwandlung der veränderlichen Umstände liegt. Mit dem Licht aufeinanderfolgender Zeitalter Christlicher Erfahrung sollte es für uns einfacher sein, seine Worte zu verstehen, als es für jene war, welche ihn hörten.

   Worin, frage ich jetzt, besteht hier die Macht seines Wortes Denn: Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz? Die Bedeutung des solcherart beigefügten Grundes liegt nicht offensichtlich an der Oberfläche. Es muss danach gesucht werden, zum einen wegen seiner Tiefe und wegen seiner Einfachheit. Doch er ist durch seine poetische Doppeldeutigkeit so vollständig, so umfassend verständlich, so unmittelbar wirkungsvoll auf das Gewissen, dass, wenn er einmal verstanden wurde, nichts weiter gesagt werden muss, sondern danach gehandelt werden muss.

   „Warum sollen wir für uns keine Schätze auf der Erde ansammeln?“

   „Weil dort die Motten und Rost und der Dieb kommen.“

   „Und so werden wir diese Schätze verlieren?“

   „Ja; durch die Motte und den Rost und den Dieb.“

   „Meint der HERR also, dass der Grund, keine solchen Schätze anzusammeln, der ihrer vergänglichen und verderblichen Natur ist?“

   „Nein. Er fügt ein Denn hinzu: Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“

   „Natürlich wird das Herz sein, wo der Schatz ist; doch was hat das mit dem Argument zu schaffen?“

   Dies: dass es demjenigen, das mit dem Schatz ist, genauso ergehen muss wie dem Schatz; dass das Herz, welches das Schatzhaus heimsucht, wo die Motte und der Rost verderben, denselben Verwüstungen ausgesetzt ist wie der Schatz, es selbst verrottet und mottenzerfressen sein wird.

   Manch ein Mann, manch eine Frau, hold und blühend anzusehen, geht umher mit einem rostigen, mottenzerfressenen Herzen innerhalb dieser Gestalt der Stärke und Schönheit.

   „Doch das ist nur ein Bild.“

   Richtig. Doch ist die beabsichtigte Wirklichkeit weniger oder mehr als das Bild? Meinen nicht der Rost und die Motte mehr als Krankheit? Und meint nicht das Herz mehr als das Herz? Meint es nicht ein tieferes Herz, das Herz deines eigenen Selbst, nicht das deines Leibes? Das Selbst, das leidet, nicht Schmerz, sondern Elend? Das Selbst, dessen Ziel nicht Trost oder Fröhlichkeit ist, sondern Glückseligkeit, ja, Verzückung? Ein Herz, welches die innerste Kammer ist, worin die göttliche Quelle deines Seins entspringt? Ein Herz, welches Gott schaut, obwohl du nie von seiner Existenz gewusst haben magst, nicht einmal, wenn sein Winden unter dem Nagen der Motte und dem langsamen Brennen des Rostes einen dumpfen Schmerz an dieses äußere Herz übermittelt haben, welches das Blut in seiner festgelegten Bahn durch deinen Leib sendet? Wenn Gott dieses Herz zerfressen vom Rost der Sorgen sieht, zerfetzt zu Kavernen und Fäden durch die Würmer des Ehrgeizes und der Gier, dann ist dein Herz so, wie Gott es sieht, denn Gott sieht die Dinge, wie sie sind. Und eines Tages wirst du genötigt sein, dein Herz zu sehen, nein, zu fühlen, wie Gott es sieht; und zu wissen, dass das verfaulte Ding, welches du in dir hast, Beute für die abscheulichsten Krankheiten, tatsächlich die Mitte deines Daseins ist, dein eigentliches Herz.

   Die Lehre bezieht sich nicht allein auf jene, welche den Mammon anbeten,[5] welche ihr Leben darangeben, ihre besten Kräfte zur Anhäufung von Reichtum: sie bezieht sich gleichermaßen auf jene, welche in irgendeiner Art das Vergängliche anbeten; welche das Lob der Menschen mehr als das Lob Gottes suchen;[6] welche sich dieser Welt zur Schau stellen durch Reichtum, durch Geschmack, durch Intellekt, durch Macht, durch Kunst, durch Einfallsreichtum jeglicher Art und so goldene Gewinnmöglichkeiten sammeln, um sie in einem irdischen Vorratshaus anzuhäufen.

   Doch nicht nur für solche, sondern gewiss ebenso für jene, deren Freuden noch offensichtlicher von vergänglicher Natur sind, so wie die Freude der Sinne in jeglicher Richtung – ob rechtens oder unrechtens genossen, wenn die Freude des Seins in ihrer Mitte ist – tragen diese Worte eine schreckliche Mahnung. Denn der Schmerz liegt nicht darin, – dass diese Freuden falsch wären wie der Betrug der Zauberei, denn solches sind sie nicht: Freuden sind sie; noch darin, – dass sie vorbeigehen und eine heftige Enttäuschung hinterlassen: das ist nur umso besser; sondern der Schmerz liegt darin, – dass das Unsterbliche, das Unendliche, geschaffen nach dem Bild des immerwährenden Gottes, zusammenwohnt mit dem Vergehenden und dem Verwesenden und sich an ihnen als seinen Gütern festhält – sich an ihnen festhält, bis es infiziert und durchdrungen ist mit ihren entsprechenden Krankheiten, welche in ihm eine schrecklichere Gestalt annehmen im Verhältnis zur Überlegenheit seiner Art, so dass, was bloßer Verfall in dem einen ist, in dem anderen zu moralischer Niedertracht wird, so dass das, was das eine für den Abfallhaufen bestimmt, das andere in die äußerste Finsternis hinausstößt; es kriecht, um Anteil an ihnen zu haben, in einen Erdbau, wo seine gefalteten Flügel welken und faulen und abfallen von seinen Schultern, anstatt die offenen Gefilde heimzusuchen und die hochgelegenen Ebenen, seine jungen Schwingen zur Sonne und in der Luft ausbreitend und sie zu stärken in immer höheren und höheren Flügen, bis sie zuletzt so stark werden, das Gott-geborene in die Gegenwart seines Vaters im Himmel zu tragen. Darin liegt der Schmerz.

   Der, dessen Herz gesund ist, weil es das Schatzhaus des Himmels heimsucht, mag von dem Teufel versucht werden, doch er wird zuerst vom Geist in die Wüste geführt.


[1] Johannes 5,26

[2] Johannes 6,63

[3] Johannes 1,14

[4] Johannes 14,6

[5] Matthäus 6,24 / Lukas 16,9-13 – ursprünglich nur der aramäische Begriff für Geld oder Vermögen / Besitz. Kann im übertragenen Sinne aber auch als eine zum Götzendienst verführende Kraft verstanden werden.

[6] Römer 2,29