Ehe aus Trollsprech und Zwergenaufstand ein Riesenproblem wird… dem Hass mit Humor und Verstand begegnen

Ehe aus Trollsprech und Zwergenaufstand ein Riesenproblem wird… dem Hass mit Humor und Verstand begegnen

Kurze Buchbesprechung zu:

„Post von Karlheinz. Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte“

Von Hasnain Kazim

Penguin Verlag (Random House), 2018 – 269 Seiten, Taschenbuch

 

Ganz sicher habe ich schon einmal Artikel vom Journalisten Hasnain Kasim im Netz bei Spiegel Online gelesen, habe jedoch keinen konkreten Text im Kopf, da ich für gewöhnlich nicht einmal nachschaue, von wem genau er stammt. Ich lese Artikel, weil ich mich über manche Themen informieren möchte oder mich die Überschrift reizt oder oder oder… Manchen Zeilen stimme ich zu, anderen nicht. Man könnte mich als die durchschnittliche Leserin bezeichnen. Ich bin im Großen und Ganzen d´accord mit dem Journalismus und froh, dass es Menschen gibt, die berichten, informieren und auch einmal etwas aufdecken. Kritikwürdiges und Verbesserungswürdiges gibt es in der Medienlandschaft allemal. Aber – wo nicht in dieser Welt? Jedoch entwickle ich keine große Energie, wenn es darum geht, mich mit den Artikeln und ihren Verfassern auseinanderzusetzen. Ich bin nicht der „Typ Leserbrief“.

Aber da gibt es andere Menschen dort draußen. Die haben Energie. Und Zeit. Zumindest googeln sie mal einen Namen und ein dazugehöriges Portrait, lesen einen Text und haben sofort eine Meinung parat. Und die muss raus! Am besten gleich an die Adresse, die den Artikel verschuldet hat! Denn das muss mal gesagt werden!!!!!!!!!! Wobei das Ausrufezeichen natürlich zum Rudeltier wird…

Journalisten wie Hasnain Kazim, die erstens nicht besonders blass im Gesicht sind und zweitens sich auch noch erdreisten Themen wie Rassismus aufzugreifen, erleben diese Art der „Meinungsäußerung“ tagtäglich in ihrem Postfach. Und da reden wir von tausenden – t a u s e n d e n! – Mails. Mails voller Beleidigungen, Drohungen, unanständiger Ausdrücke (und Rechtschreibfehlern…).

Als freudige Nutzerin des Internet – denn ich nutze es recht intensiv als Quelle von Unterhaltung und Information und auch als Ort, an dem ich in meiner Nische kreativ schreibe – bin ich seit längerer Zeit ermüdet. Äußerst ermüdet von all den „Trollen“ und „Hasszwergen“, die sich in sämtlichen Kommentarspalten herumtreiben. Ich überlege oft, den Stecker zu ziehen. Keine Berührung mehr mit dieser digitalen Welt. Einfach aussteigen.

Aber dann fällt mir dieses Buch von Herrn Kazim in die Hände, in dem er die Frucht seines 2016 gestarteten Experimentes aufbereitet. Er hat auf viele dieser Mails – die von Dummheit über Unanständigkeit bis hin zu wirklich kriminellen Äußerungen reichen – geantwortet. Ich lese, was er sich tagtäglich gefallen lassen muss. Und schäme mich, dass ich allein schon vom Durchlesen einer Hand voll mieser Kommentare, die mich persönlich gar nicht betreffen, müde werde.

Nun kann man sagen: Jo, der ist halt Journalist und äußert sich kritisch und öffentlich und in einem Medium mit großer Reichweite – da muss er halt mit rechnen, dass er angegangen wird, das ist Berufsrisiko.

Ebenso könnte man aber auch sagen: Jo, der überwiegende Teil der Bevölkerung hatte mal so etwas wie eine Erziehung und kennt die normalen Regeln höflicher Kommunikation – das kann man von Leuten, die in einem demokratischen, freien Land mit flächendeckender Schulbildung leben eigentlich erwarten.

Und an genau diese Regeln des erlernten Benehmens appelliert Hasnain Kazim in seinen Antworten auf die beleidigenden Zuschriften. Manchmal argumentiert er, wo noch Hoffnung auf vernünftigen Austausch besteht. Aber oft hilft nur „zuschlagen“. Verbal, versteht sich. Höflich, aber mit Mitteln des Witzes und der Ironie. Er erklärt den „Biodeutschen“ ihre eigene Sprache und korrigiert ihre Zuschriften. Er geht auf ihre Aussagen ein und begibt sich in die Rolle, die ihm uninformierte Zeitgenossen zuschreiben – beglückwünscht Karlheinz zum Beispiel zur Mitgliedschaft bei den Islamisten oder kündigt einem anderen Schreiber, der ihm zeigen will, was ein „echter Deutscher“ ist, den Besuch seiner ganzen Großfamilie in zwei riesen Bussen an und bittet um Platz im Vorgarten für die Schächtung einiger Ziegen, die seine vier Frauen dann grillen würden, damit man doch als gesamte Familie von dem „echten Deutschen“ lernen könnte, wie denn nun ein „echter Deutscher“ zu sein hat. (In Wirklichkeit ist Herr Kazim mit einer Frau verheiratet und schreibt im Nachwort von einem einzigen Sohn… soviel dazu…) Manchmal hat aber auch Hasnain Kazim keine Lust mehr auf ausgefeilte Antworten. Was antwortet man jemandem, der einfach nur „Fick dich, Kazim!!!“ schreibt? Man antwortet „Fick dich selber!“. Und was kommt zurück? „Das ist also Ihr Niveau!!!“ Über so etwas kann man nur lachen. Oder den Kopf schütteln. Oder beides gleichzeitig.

Welche Reaktionen erhält Herr Kazim auf seine Kommunikationsbemühungen? Der überwiegende Teil antwortet nicht oder bleibt auf dem Niveau von Beleidigungen und Drohungen. Es bleibt nichts weiter übrig, als den Kontakt vollständig zu unterbinden, die Person also zu blockieren (Zuckerberg sei Dank für diese Funktion im Gesichtsbuch!). Andere Personen hingegen sind erstaunt und überrascht, dass Hasnain Kazim überhaupt antwortet. Sie fühlen sich ertappt, entschuldigen sich für ihren Ton und bitten ihn um Nachsicht. Wieder andere lassen sich tatsächlich auf eine Diskussion ein und geben zu, dass sie etwas daraus gelernt haben. Tatsächlich – bei einem kleinen Teil der Trolle und Zwerge stellt sich heraus, dass sie lernfähige Menschen sind. Und das beruhigt irgendwie und lässt hoffen.

Und dann zum Ende des Buches hin gibt uns Hasnain Kazim noch einige wenige Beispiele von Leuten, die ihm positive Mails geschrieben haben. Lob und Anerkennung und ernsthaft interessierte Nachfragen. Es sind schlicht und ergreifend zu wenige. Und damit kommen wir zur Schlussfolgerung, die man aus Herrn Kazims Buch ziehen muss. Das Feld darf nicht den Trollen und Zwergen überlassen werden. Hass darf niemals unbeantwortet bleiben. Und vor allem darf man auf Hass niemals ebenso mit Hass antworten. Man darf konfrontieren, man muss es sogar. Man muss widersprechen und eine eigene, aufrechte Haltung an den Tag legen. Und das Recht auf Meinungsfreiheit, wie Hasnain Kazim schreibt, schließt nicht gleichzeitig das Recht ein, dass einem jeder zuhört und einem keiner widerspricht. Ein wichtiger Unterschied, der heute so oft vergessen wird.

Darum will ich selbst auch nicht müde werden in meiner kleinen Nische. Und vielleicht, wenn ich das nächste Mal einen Beitrag voller Hass und voller Dummheit sehe, werde ich antworten. Ohne Hass. Aber mit Witz und Verstand. Danke Hasnain Kazim für dieses Buch, das uns die unfassbaren Dimensionen des digitalen Zwergenaufstandes zeigt, aber auch Hoffnung macht, dass hinter kleinen Hasszwergen auch immer frustrierte Menschen stehen, die man vielleicht noch gewinnen kann. Ehe die blaubraunen Riesen aufstehen und noch mehr Zulauf bekommen.