100 Jahre
Buchbesprechung zu:
„Sag immer deine Wahrheit“ Was mich 100 Jahre Leben gelehrt haben
Von Benjamin Ferencz – auf Basis der Gespräche mit Nadia Khomami
Aus dem Englischen von Elisabeth Schmalen
Original: „Parting Words; 9 Lessons for a Remarkable Life“
Für diesen Beitrag gelesene Ausgabe: 5. Auflage, Heyne, 2020 – 150 Seiten

Über das Dritte Reich, seine Folgen und die Nürnberger Prozesse sind Tausende Seiten geschrieben wurden, daher erspare man sich eine große Einführung. Die entsprechende Einleitung zu den autobiografisch gefärbten Schilderungen von Benjamin Ferencz gibt die Journalistin Nadia Khomami zu Beginn des Buches. In aller Kürze wird selbst für wenig Wissende die Bedeutung des Ganzen klar eingeordnet.
Für mich gilt jedoch: in medias res. Benjamin Ferencz war der vom US-Militär beauftragte Ermittler und Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen. Sein Auftrag war es, die Beweise für Kriegsverbrechen der Nazis und für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den befreiten Konzentrationslagern zu sammeln, zu sichten und die Anklage vorzubereiten. Die Wahl fiel auf ihn, weil er nicht nur einfacher Soldat war, sondern vor seinem Einsatz das Jura-Studium an der Harvard University absolviert hatte.
Ich verkneife mir indes eine langatmige Argumentation darüber, dass es tatsächlich Berge von Akten gab und gibt, die das Vorgehen der SS in den Lagern minutiös nachvollziehbar machen. Die Mörder haben ihre Taten ordentlich deutsch dokumentiert. Wer auch immer heutigentags auf das schmale Brett kommt, die Tatsachen zu leugnen und zu verharmlosen, dem ist mit Argumenten kaum beizukommen. Vielleicht aber mit persönlichen Zeugnissen authentischer Männer und Frauen, die selbst dabei waren und „ihre Wahrheit“, ihr Erleben schildern.
Ein solcher Mann ist Benjamin Ferencz. In 9 kurzen und durchaus kurzweiligen Kapiteln schildert er seinen Werdegang und sein bewegtes Leben von der Geburt in Transsilvanien, über die bittere Armut als Kind von Einwanderern in New York, sein Ringen um und seine Dankbarkeit für eine gute Ausbildung, bis hin zu seinem Kriegsdienst, den Ermittlungen in Konzentrationslagern, den Nürnberger Prozessen und einer Vision für eine internationale Zusammenarbeit und den internationalen Gerichtshof, um künftige Verbrechen dieser Art und dieses Ausmaßes irgendwann einmal ganz verhindern zu können.
Seine Erlebnisse haben ihn zu einem entschiedenen Gegner von Krieg und Gewalt werden lassen. Mit spürbarem Bedauern schildert er auch die Zurückhaltung und den teilweisen Rückzug der USA in den letzten Jahren, was die internationalen Bemühungen um Frieden und die Aufklärung von Kriegsverbrechen angeht. Zarte Worte für Trump und geistig ähnlich gestrickte Machthaber findet er nicht gerade. Aber er wird niemals bitter, ist nicht einmal wirklich enttäuscht. Benjamin Ferencz betont, dass es in seinen Augen Fortschritte und gute Entwicklungen gibt – auf der ganzen Welt. Es geht eben nur langsam voran, aber es geht voran. Und ein 100-Jähriger kann das vielleicht ganz gut beurteilen, was in seinen 100 klar und bewusst erlebten Jahren passiert ist.
Seine Äußerungen machen Mut und geben Hoffnung.
„Es kommt nicht oft vor, dass man in eine Situation gerät, in der man unter Lebensgefahr handelt, daher lautet die Lehre hier nicht, so mutig zu sein […]. Sie lautet, dass Menschen zu furchtbaren Dingen fähig sind, aber auch zu heroischen Taten, großen oder kleinen. Die Welt ist voll mit guten Menschen, die Gutes tun. Manchmal reicht schon der Gedanke, das Festhalten daran, um uns anzutreiben, uns zu beflügeln und uns das, was wir erleben, erträglicher zu machen.“ (S. 84)
Es ist diese positive Grundhaltung, die das Büchlein über die Schlussfolgerungen des langen Lebens von Benjamin Ferencz so wertvoll und empfehlenswert machen. Nach seinen eigenen Worten könnten dies seine letzten in Buchform geäußerten sein. Er kondensiert hier seine 100 Jahre auf ein Maß, das eine simple Handreichung für die nächsten Generationen sein soll, eine Art Manifest für das Gute in der Welt einzutreten und niemals aufzugeben. Es kann Wirklichkeit werden, denn eine Alternative haben wir nicht. Ein weiterer, tatsächlich weltweiter Krieg käme nämlich der Vernichtung der Menschheit gleich. Das wissen wir alle und das sollte uns dazu anspornen, stets für Gewaltlosigkeit, Kompromisse, Frieden einzutreten. Mindestens mit Worten und einer inneren Haltung, wenn uns schon keine anderen Mittel gegeben sind. Die Wahrheit sagen, auch und gerade gegen die Mächtigen.
„Politiker und ihre Anhänger, die sagen, ihr Land sei das größte – oder sich wünschen, dass ihr Land das größte ist -, sind Kleingeister. Das Größte ist entweder eine Welt, in der wir alle friedlich koexistieren können, oder gar nichts. Menschen, denen nur ihre eigene Nation am Herzen liegt, klingen wie Kinder, die sich über ihre jeweilige Ecke auf dem Spielplatz streiten. Und Menschen, die sagen, eine geeinte Welt sei nicht möglich, fehlt entweder die Vorstellungskraft oder sie profitieren vom Status quo.“ (S. 139)
Mir persönlich gefällt ganz besonders, dass Benjamin Ferencz sein Leben lang eine Haltung an den Tag gelegt hat, niemals dummen Befehlen zu gehorchen. Er plädiert zwar dafür, sich fleißig einzusetzen, aber man sollte immer für seine Wahrheit einstehen – gegen alle Dummheit und Grausamkeit. Natürlich hat Benjamin Ferencz auch viel Glück gehabt, das gibt er zu. Doch von seiner aufrechten Haltung kann man lernen. Seine Vision für eine Welt, in der es irgendwann international geächtet ist, Grausamkeiten an anderen Menschen zu begehen, ist absolut nicht realitätsfern. Sie ist machbar. Langsam, aber unsere einzige Chance.
Die Vision, Rechtsstaatlichkeit und die obersten Grundsätze dieser – „Unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist.“ – „Wiedergutmachung und keine Vergeltung“ – als etwas die ganze Welt Umspannendes und alle Menschen Schützendes zu etablieren, ist großartig. Und in diesem Sinne entspricht sie meinem Empfinden nach der Ur-Vision von Gerechtigkeit, die wir schon in den alten Schriften von Judentum und Christentum finden und in den Mythen, Weisheiten und Überlieferungen fast aller Völker dieser Erde. Dass ein jeder unter seinem Weinstock sitzt und durch das Recht geschützt ist und dass die Spirale der Vergeltung nur durch tatsächliche Gerechtigkeit – eine Wiedergutmachung von Schaden und friedliches Miteinander – zu unterbrechen ist. Das ist die Wahrheit von Benjamin Ferencz. Das ist auch sehr gerne meine Wahrheit!
Klare Leseempfehlung. Liebenswerte Weisheiten. Große Wahrheiten.
„Sich jeden Tag über etwas freuen, hält uns am Leben. Das sorgt dafür, dass das Feuer in unserem inneren niemals verlöscht. […] Wer Lebensfreude sucht, muss in seiner Umgebung danach Ausschau halten. Das Glück ist uns nichts schuldig. Es ist keine Person und keine Institution, auf die man seinen Zorn richten kann. Es ist eine Emotion, und für unsere Emotionen sind wir selbst zuständig. Entscheide selbst, was dich glücklich macht: das Blau des Himmels, die Freuden eines reichhaltigen Mittagessens, gemütlich im Bett zu liegen, während draußen ein Unwetter tobt, eine besonders gute Tasse Kaffee … Man muss nach dem Glück Ausschau halten, wenn man es finden und erleben will.“ (S. 43)

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