11. Dezember: Fahrt
Sofort setzten sich alle Männer wieder in Bewegung. Jeder wusste, was er zu tun hatte. Gilbert richtete zusammen mit Lenzel, Laun und Wunnibald die Segel aus, die mittlerweile ganz entfaltet waren. Ihr strahlendes Weiß blendete sogar im spärlichen Licht der Mondrückseite. Sie schienen aus einem Stoff gewebt, der von innen heraus ein Licht abgab und selbst an den dunkelsten Orten des Kosmos die Tätigkeiten auf dem Schiff beleuchtete.
Hornfried und Erntner verschwanden unter Deck, lauthals darüber streitend, welchen Proviant Hornfried freizugeben hatte und was Erntner für die Mannschaft kochen sollte. Ihr Streit klang ernst, aber man sah ihnen an, dass sie sich in ihrer Gegensätzlichkeit hervorragend ergänzten. Es war klug, den einen über den Proviant entscheiden und einen anderen kochen zu lassen. Bewundernd schaute ich zu Ferdi Lunatikus Silberfahrt hinüber, der den beiden grinsend hinterherblickte.
Hartmut ging schweigend und mit düsterer Miene seiner Arbeit nach. Er schrubbte weiter das Deck. Julius hielt sich oft in seiner Nähe auf und redete unaufhörlich mit ihm, obwohl er kaum eine Antwort erhielt. An seinem Gürtel hingen zahlreiche Werkzeuge und immer, wenn Hartmut auf etwas zeigte, sprang Julius herbei, begutachtete es und kümmerte sich bei Bedarf um eine Reparatur. Er und Hartmut waren die unumstrittenen Hausmeister auf der Silbermaid.
Bruchbert und Bockhorst hatten ihre Aufgaben an diesem Mondmorgen bereits erledigt. Hartmut brummte unwillig, als die beiden ihre Degen zogen und mit tänzelnden Schritten einen Übungskampf über sein frisch poliertes Deck vollführten. Ferdi Lunatikus Silberfahrt rief sie zur Ordnung.
„Ab in den Ausguck mit dir, Bockhorst! Wir queren sehr bald den Gürtel, ich brauche dich dort oben. Bruchbert, du gehst ans Steuer! Scheidebold berechnet gerade unseren Kurs und wir wollen schnell Fahrt aufnehmen. Ich will, dass ihr eure Arbeit tut!“
So hatte jeder eine Aufgabe. Selbst Krampus beteiligte sich am geschäftigen Treiben. Er half dabei, die Segel in den Sonnenwind zu ziehen, denn es war eine kräftezehrende Aufgabe, die Seile zu straffen und sie festzumachen. Nur der unheimliche Nebelfranz blieb bei uns stehen und sah abwechselnd mich und den Hauptmann des Schiffes an.
„Was ist meine Aufgabe, Ferdi?“, fragte ich.
„Nebelfranz hier ist ein kluger Kopf. Er überwacht das Geschehen an Bord für mich. Er ist ein guter Berater und erkennt Gefahren für unser Schiff und die Mannschaft lange, bevor sie eintreten. Ich muss zu Bruchbert und Scheidebold ans Steuer, wie es sich für einen Kapitän gehört. Du, Lina, lässt dir von Nebelfranz das Schiff zeigen und erklären, was du für die Fahrt wissen musst.“
Damit drehte er sich auf dem Absatz um und ging an seiner Kajüte vorbei nach vorn in den Bug des Schiffes. Ohne den Passus und den Kapitän fühlte ich mich plötzlich sehr einsam. Nebelfranz schien mir nicht sehr wohl gesonnen zu sein. Sein bleiches Gesicht war ohne jedes Gefühl, die Züge darin schienen ins Bedeutungslose zu verwischen. Nur die farblosen Augen durchbohrten zuverlässig alles, worauf sie gerichtet waren – auch mich. Er machte keine Umschweife, sondern beschränkte sich auf die ihm übertragene Aufgabe.
„Ist lange her, dass wir mit dreizehn Mann die Mondbahn verlassen haben. Die Reise ist wichtig und gefährlich. Zuerst musst du wissen, wo links ist und wo rechts ist.“
„Ich weiß, wo links und rechts sind.“, bemerkte ich verärgert.
Nebelfranz verzog spöttisch den Mund.
„Gar nichts weiß ein Kind wie du über kosmische Winde und Sonnenwellen! Nichts weißt du von der Reise zum Riesen! Nichts weißt du von unserer Aufgabe! Schweig und höre zu, du widerspenstiger Mensch!“
Erstaunt über diesen Ausbruch ließ ich den Mund offenstehen. Er hatte Recht. Es war unverschämt gewesen, ihn zu unterbrechen. Ich murmelte eine Entschuldigung und schwieg. Nebelfranz nickte einigermaßen zufrieden und fuhr fort.
„Wenn der Kapitän Befehle gibt, musst du wissen, wohin du zu gehen hast. Du kennst es von der Erde. Steuerbord ist alles rechterhand, Backbord ist alles linkerhand. Hier ist es ähnlich. Wenn du nach vorne schaust, dann ist rechts von dir Mondbord. Diese Seite wenden wir den Monden dieser Sonnenwelt zu, wenn wir Halt machen. Sonnenbord ist die linke Seite dieses Schiffes. Merke dir das gut!“
Ich nickte. Plötzlich spürte ich in den Beinen, dass ich nicht mehr sicher stand. Als ich nach oben schaute, blähten sich die Segel. Ich bemerkte nur einen leichten Hauch, aber der genügte, um das Schiff auf der unsichtbaren Mondbahn voranzutreiben. Breitbeinig suchte ich nach Halt. Es fühlte sich tatsächlich wie bei einem Schiff auf den Meeren der Erde an. Einzig das Rauschen von Wind und Wellen fehlte. Hier bewegte sich alles in der Stille.
„Es geht auf Fahrt.“, sagte Nebelfranz leise.
Andächtig beugte er das Haupt. Ich sah mich um. Auch die anderen Männer, die ich von hier aus sehen konnte, ließen wie zum Gebet ihre Köpfe hängen und hielten die Augen kurz geschlossen, ehe sie sich wieder aus ihrer Erstarrung lösten und weiterarbeiteten.
„Wo fahren wir hin? Was tun wir?“, fragte ich.
Jetzt lächelte Nebelfranz sogar. Ich hatte ihm eine in seinen Augen vernünftige Frage gestellt.
„Zum Riesen, den 80 Monde umkreisen. Wir sind Mondpiraten. Du bist jetzt ein Mondpirat. Wir fahren auf den unsichtbaren Bahnen im Wind der fernen Sonne zu den Monden und berauben sie ihrer Steine, die von ihnen abgesprengt werden, wenn die kosmischen Fäuste – du nennst sie Kometen – versuchen, die Wanderer durch den Raum – du nennst sie Planeten – zu zerschlagen. Wir bringen sie als Beute zurück und setzen sie in die Bahn um die Erde ein.“
„Warum?“
„Weil wir nur so das Gleichgewicht halten können, das ihr mit allem, was ihr in die Bahn des Wanderers schießt, auf dem ihr lebt, stört. Die Reise zum Riesen ist gefährlich. Wir brauchen jeden Mann und nicht oft kommt es vor, dass der dreizehnte Mond uns einen dreizehnten Mitstreiter schenkt. Aber jetzt bist du da und wir können unsere Aufgabe erfüllen.“

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