Passus – Eine Adventskalendergeschichte

12. Dezember: Gürtel I

   Nach der Erde, wenn man sie verlässt und von der Sonne weg ins Äußere des Sonnensystems vordringt, liegt der Wanderer Mars auf seiner Bahn. So lehren es die, die Bescheid wissen. Doch die Wanderer liegen nicht hintereinander geordnet wie auf den Bildern, die ich in der Schule gesehen hatte. Jeder von ihnen hat eine eigene Bahn und eigene Zeiten, nur manchmal stehen einige von ihnen einander gegenüber. Mein-Vater-Erklärt-Mir-Jeden-Sonntag-Unsere-Neun-Planeten. Merkur-Venus-Erde-Mars-Jupiter-Saturn-Uranus-Neptun-Pluto. Mein Vater hatte mir niemals irgendwelche Planeten erklärt. Überhaupt waren die Entdecker der Wanderer über die Jahrhunderte wenig einfallsreich gewesen, was die Namensgebung dieser Himmelskugeln betrifft. Sie hatten die Namen von Göttern genommen, an die sie nicht mehr glaubten, und sie an einen Himmel geheftet, der für sie leer geworden war.

   Nebelfranz erklärte mir, dass wir den roten Freund der Erde nicht passieren würden, wie sie es sonst oft taten. Mars, der Kriegsgott. In gewisser Weise stimmt das vielleicht. Dieser Wanderer zieht seine Bahn nah am Asteroidengürtel. Und was der Riese Jupiter mit seiner Macht nicht zu sich zieht und hält, das prallt eher auf ihn als auf unsere blaue Heimat, die die Mondpiraten das Himmelsjuwel nennen. Er verteidigt unser Leben. All die uns bekannten Namen und Begriffe verwendeten die Mondpiraten nur selten. Für sie war Jupiter der Riese, weil der größte aller Wanderer und das weiteste Ziel für ihre Fahrten im Sonnenwind.

   Zwei Monde hat der rote Freund, an dem wir nicht vorbeifuhren. Dort befestigten die Segler sonst regelmäßig ihr Schiff. Sie blickten durch goldene Geräte auf den Gürtel der Sonnenwelt und beobachteten ihn. Doch nur, wenn ein dreizehnter Mann an Bord war, wagten sie es, diesen Ring aus fliegenden Steinen zu durchfahren, um zum Riesen vorzudringen, dessen achtzig Monde ihre beständige Sehnsucht waren.

   „Neunundsiebzig sind es, so lehren uns die, die Bescheid wissen.“, sagte ich.

   Nebelfranz hob mahnend den Zeigefinger.

   „Nichts wissen sie, denn sie waren nicht dort, so wie wir. Es gibt einen Mond, den sie nicht kennen und nicht sehen. Und der ist unser weitestes Ziel. Von dort aus können wir tief in andere Sonnenwelten sehen. Dort ist der wertvollste Stein, den wir erbeuten. Und dort ist unser ärgster Feind.“

   „Was für ein Feind?“, fragte ich einigermaßen beunruhigt.

   Nebenfranz schüttelte nur den Kopf. Er war der Meinung, ich solle mich wie die anderen nur darum kümmern, dass wir es schafften, durch den Gürtel zu segeln. Es dauerte einige Zeiten, ehe wir das Ende der sicheren Bahn erreichten. Die Erde war für mich nicht mehr sichtbar, ihr treuer Trabant ebenso. Die Sonne, stolzer Stern unserer Welt, wirkte klein und traurig, aber sie wärmte den Raum und schickte ihre Winde zuverlässig bis in unsere Segel. Welche Kräfte es auch waren, die das Schiff der Mondpiraten hielten, weder kosmische Kälte noch Hitze noch Mangel an Luft trafen uns. Es war eine Magie, nach deren Ursache man nicht fragen durfte. Es gab niemanden, der darüber Bescheid wusste.

   „Es genügt, die Dinge zu nehmen, wie sie sind.“, sagte der Passus, als ich ihn flüsternd danach fragte.

   Wenn wir nicht segelten, sondern ruhten, dann wurden die Segel eingeholt und der Anker ins bodenlose Nichts geworfen. Das Schiff stand dann jedoch nicht still wie beim Mond, sondern es schwankte leicht zu beiden Seiten und bewegte sich in einer unsichtbaren Strömung trotzdem etwas fort. Einer der Männer wachte immer am Steuer und hielt es gerade auf Kurs. Darin wechselten sich alle Besatzungsmitglieder ab. Auch der Passus beteiligte sich an diesen Wachen. Die letzte übernahm immer Ferdi Lunatikus Silberfahrt, dem ich dann zur Seite stand. Das tat ich sehr gern, denn ich mochte ihn wesentlich mehr als den unheimlichen Nebelfranz, der immer ein scharfes Auge auf mich warf, als könnte ich im nächsten Augenblick etwas Dummes sagen oder tun.

   „Warum könnt ihr nur mit mir durch den Gürtel segeln?“, fragte ich den Kapitän in unserer Wache beim Steuer.

   Er schwieg eine Weile. Wir schauten in den Raum vor uns, dessen Horizont gefüllt war mit fremden Sternenbändern in allen funkelnden Farben, wie wir es auf der Erde nie sehen können und wie es nur wenige von uns mit starken Sicht-Instrumenten ahnen. Nach all den Stunden an Bord des Schiffes konnte ich mich immer noch nicht daran sattsehen. Auch Ferdi schien es nach all den Lebensjahren, die er Herr über diese Unternehmung war, ähnlich zu gehen. Ich ließ ihn und wiederholte meine Frage nicht. Es schien mir unhöflich, seine Andacht zu stören. Schließlich antwortete er doch.

   „Weil nur du die Gabe hast, uns sicher durch den Gürtel zu bringen.“

   „Von solch einer Gabe weiß ich nichts.“

   „Niemand weiß, wozu er fähig ist, es sei denn, es wird von ihm eingefordert. In diesem Augenblick kennt man die eigene Gabe. Es ist, wie Krampus es sagt. Man ist, wer man ist. Und man tut, wer man ist. Du bist Lina Blaumond. Und du wirst tun, was du bist.“

   „Ja, aber was?“, fragte ich verzweifelt.

   Ich hatte es einigermaßen satt, dass man mit mir in Rätseln sprach.

   „Siehst du das?“, fragte Ferdi mit ernstem Ausdruck und streckte den Arm vor sich aus. „Das ist der Gürtel. Trotz gefallenen Ankers und eingeholter Segel ziehen uns seine Kräfte näher. Wenn die Männer aufwachen, ist es Zeit, uns hineinzustürzen.“

   Ich blickte in die angedeutete Richtung und erstarrte. Vor uns erstreckte sich eine Art Nebel, den ich zuerst als ein fernes Sternenband gedeutet hatte. Doch je näher wir dieser Erscheinung kamen, desto deutlicher wurde, was sie war. Es war der Gürtel aus Geröll, Steinen, Felsbrocken und Staub, der wie eine Wand vor uns auftauchte. Ein undurchdringlicher Ring zwischen dem Pfad des roten Freundes und dem des Riesen aus Gas und Eis und Blitzen.