Apokalypse ist jeden Tag I

Apokalypse ist jeden Tag

I

Apokalypse des Umwendens (Inspiration zum ersten Kapitel der Apokalypse des Johannes)

Apokalypse. Die Wortbedeutung meint Offenbarung. Etwas Unsichtbares wird gesehen und sichtbar gemacht durch Worte. Es wird poetisch eingekleidet und kann mehr gefühlt als wirklich verstanden werden. Wir Heutigen jedoch verstehen Apokalypse als Weltuntergang. Nichts ist jemals tödlicher gewesen als Prophetie des Weltuntergangs. Solche Prophetien haben Kriege angezettelt und Menschenmassen niedergemetzelt. Apokalypse als Rechtfertigung subjektiver Rachegelüste.

Es nützt leider nichts, gegen Weltuntergänge anzupredigen, um die tödliche Prophetie einer Apokalypse zu bekämpfen. Es hilft auch der Seele nicht. Das Einzige, was hilft, ist die radikale Apokalypse. Sie nämlich zu leben. Apokalypse ist jeden Tag. Jeden Tag den Weltuntergang feiern, damit der Blick frei dafür wird, dass auch jeden Tag eine neue Welt entsteht. Wer das Tödliche und Lähmende des apokalyptischen Denkens, in diesen Tagen wieder in großer Mode, überwinden will, der muss die Apokalypse durchleben. Das Sterben, um zu leben. Ohne Apokalypse keine Auferstehung. Keine perverse Freude am Weltuntergang. Sondern Freude darüber, dass das Leben immer wieder neu werden kann und neu werden wird. Radikale Hoffnung.

Keiner, der heute lebt, kann und wird jedes einzelne der Worte verstehen, die ein Mann namens Johannes auf einer Insel namens Patmos niederschrieb und als Brief zum Vorlesen in sieben (oder mehr?) christliche Gemeinschaften in Kleinasien verschickte. Es ist tödlich, die Worte wörtlich zu nehmen. Es ist unmöglich, sie zu erklären. Es ist jedoch auch nicht nötig. Sie sind Prophetie und insofern Poesie und sie müssen gelesen, gehört und gefühlt werden. Sie sind ein großes Theaterstück – eingerahmt in Grußworte über Gnade und Schlussworte über himmlische Regionen.

Johannes wendet sich um, als er die Stimme hört. Johannes ist ein Berührter, ein Angefasster – es lässt ihn nicht kalt, was in den Welten geschieht – der unsichtbaren und der sichtbaren, zwei Welten, die in seinen Texten kaum voneinander zu scheiden sind. Es gehört zum Menschsein dazu, sich immer umzuwenden. Es ist ungesund, sich nicht umzuwenden. Was liegt vor uns und was liegt hinter uns? Gehört es nicht dazu, oft innezuhalten, nachzusinnen und dann den Kurs zu wechseln? Wir empfinden uns selbst als schmutzig und schwach, wenn wir zugeben, dass wir nicht alles wissen und uns wieder einmal umwenden müssen.

Auf Johannes wartet der Christus, als er sich umwendet. Und dieser Christus besteht aus Licht. Lassen wir uns nicht verwirren von den Beschreibungen über glühendes Erz und Wolle und Sonne. Es ist einfach sehr hell, weil dort Gott zu sehen ist, in dem es nichts Übles und keinen Schatten gibt. Das soll uns trösten. Es ist der Tag des Herrn, also Sonntag. Der Tag der Auferstehung. Das ist wichtig, denn wir schauen mit Johannes in eine Wirklichkeit NACH der Apokalypse, wie wir sie als Untergang und Ende verstehen. Es ist die Wirklichkeit, unsichtbar und anrührend, nachdem Jesus gestorben und auferstanden ist. Es ist bereits alles geschehen, was geschehen musste. Etwas anderes gibt es nicht. Und alles, was zwischen dem ersten und dem letzten Kapitel der Offenbarung des Johannes liegt, ist nur ein Wimpernschlag, der die Unwägbarkeiten der Gegenwart wegblinzelt.

Aus Jesu Mund fährt ein Schwert. Wie dumm waren wir, dieses Schwert als Kriegswaffe zu begreifen, mit der Gott alles niedermetzelt, was ihm nicht gefällt? Es ist das Wort, das aus dem Mund Jesu gekommen ist, als er unter uns wandelte. An diesem Wort entscheidet sich alles. Das Wort ist der Richter, in dem Sinne, dass wir uns daran messen lassen müssen. Sprach er nicht, Liebe Gott und Liebe deinen Nächsten? Wir wissen selbst, inwieweit wir diesem Wort entsprechen. Und ein anderes Gericht gibt es nicht.

Dieses Gericht findet jeden Tag statt. Jeden Tag ist Apokalypse. Jeder Tag offenbart uns, ob wir uns geirrt oder verirrt haben und wir uns deshalb wieder umwenden müssen, hin zum Licht. Das erste Kapitel der Offenbarung des Johannes ist ewig gültig, weil ewig gültig ist, dass wir uns an dem Maßstab des Lichtes messen und wir diesem Maßstab selbstverständlich nicht gerecht werden, wir uns wieder am Schwert aus dem Mund des ewigen Christus messen lassen, uns wieder zum Licht wenden müssen, um… gerichtet zu werden? Um getröstet zu werden. Denn es gibt keinen anderen Trost für uns Menschen, als einzusehen, dass wir uns ständig irren und dass es ständig die Möglichkeit gibt, sich umzuwenden, uns selbst zu sterben und aufzuerstehen.

Es ist tödlich für unseren Stolz, wenn wir einsehen müssen, dass die größte Apokalypse in unserer Seele wartet. Es gibt wohl nichts, was dem Sterben und dem Weltuntergang so nahekommt, wie einzusehen, dass man sich irrt, dass man Mensch ist.

Ich feiere die Apokalypse, dass ich ein Mensch sein darf, dass ich mich irren darf, dass ich meine Irrtümer einsehen darf und dass ich mich immer wieder zum Licht umwenden darf, um getröstet zu werden.

Denn jeder Tag ist Apokalypse und jeder Tag ist Auferstehung. Ich darf von vorne anfangen und getröstet sein.