Apokalypse ist jeden Tag
II
Apokalypse des Fundamentes (Inspiration zum ersten Sendschreiben im zweiten Kapitel der Apokalypse des Johannes)
Apokalypse erschüttert alle Fundamente. Apokalypse legt Fundamente frei. Apokalypse schafft das eigentliche Fundament, auf dem Leben nach dem Ende wachsen kann. Jeden Tag, wenn wir das wollen. Von diesem apokalyptischen Fundament kündet das erste sogenannte Sendschreiben an die erste der sieben Gemeinden.
Es ist an den Engel der Gemeinde gerichtet. Gemüter, Geistliche und Gelehrte mögen sich weiter streiten, ob mit diesen sieben Engeln der sieben Gemeinden tatsächlich sieben Engel gemeint sind, die vor dem Thron des Allerhöchsten stehen und die irdischen christlichen Gemeinschaften vor ihrem König Christus vertreten, oder ob damit Bischöfe gemeint sind, die diesen Gemeinden vorstehen. Mir ist das mittlerweile gleichgültig, denn es fällt auf, dass diese Schreiben sowohl auf die eine als auch auf die andere Weise zuallererst an die Verantwortlichen für diese Gemeinschaften gehen – ob nun himmlisch oder irdisch.
Es gibt immer Verantwortliche, Führer, Hirten, Herrscher, die einer Gruppe von Menschen voranstehen. Sie sind in besonderer Weise verantwortlich und das hat erst einmal nichts mit dem Herzen des einzelnen Gläubigen zu schaffen. Es geht zunächst um das Große-Ganze. Die einzelne Gemeinde wird als Leuchter bezeichnet. Und mitten unter diesen Leuchtern steht dieser auferstandene, überweltliche Christus, der als größtes Licht alles andere überstrahlt. Das Licht selbst ist in der Mitte all der kleinen Lichter. Licht aber sind sie alle. Licht der Welt. Die Gemeinde soll das Licht desjenigen, zu dem sie sich umgewendet hat, abstrahlen auf ihre Umgebung. Christus reflektieren. Das ist ihre Aufgabe. Und er, das große Licht, ist nicht irgendwo über oder fern von ihnen. Er ist bereits da. Mitten unter ihnen. Das ist Trost.
Ephesus wird gelobt für ihr Aushalten und ihre Ausdauer und ganz besonders dafür, dass sie nicht jedem glaubt, der ihr neu predigt. Dass sie allem, was böse ist, widersteht. Doch ihre größte Stärke ist zugleich ihre größte Schwäche. Ein Geist, der sich kritisch gegen alles Bedrohende stemmt, kann leicht hart werden und taub für das Schöne, was er eigentlich pflegen, bewahren und entfalten möchte.
Vergiss nicht das Erste, liebes Ephesus. Dein Fundament. Die geschwisterliche Liebe. Du musst dich umwenden zum Licht, dein Denken wieder auf das Licht und das Liebliche richten, damit du bei aller Erkenntnis über das Böse, das dich bedroht, nicht vergisst, dass du Bruder und Schwester lieben sollst. Denn das große Licht hat es dir geboten: Liebe! Das ist das Fundament.
Und kehren wir nicht immer wieder zu diesem Fundament zurück, dann droht das Gericht. Was aber ist das Gericht, die große Apokalypse, die hier angedroht wird? Der Leuchter soll weggenommen werden. Nein, das ist keine Ankündigung eines Gemetzels unter den Mitgliedern der Gemeinde durch Gottes Zorn. Eine Gemeinschaft kann ohne ihr Fundament schlicht nicht bestehen. Sie trägt das Gericht ihres Untergangs bereits in sich.
Keine Menschengruppe, keine Gesellschaft, keine Gemeinschaft, keine Familie – wie immer sie gestaltet sein mag und was immer sie glaubt – kann ohne dieses eine Fundament Bestand haben. Ohne die Liebe ist alles nichtig. Wenn die Furcht vor dem Bösen und der Bedrohung überhandnimmt und zum Motiv der Ablehnung von allem wird, was fremd und anders scheint, dann ist der Weg fort von der Nächstenliebe und hin zur Aggression nicht mehr weit.
Ist es eine Stärke des Menschen, der das Gute für sich und andere will und alles Bösartige ablehnt, so ist es auch die größte Gefahr für ihn, sich in der Suche nach dem Bösen zu verlieren und aus Furcht selbst zu dem Bösen zu werden, das er einst ablehnte, indem er den Nächsten als einen Teufel bekämpft und vernichtet. Das ist das Ende aller möglichen Gemeinschaft und die absolute Apokalypse, das Ende einer ganzen Welt und eines kostbaren Netzes an Beziehungen.
Hüte dich vor dem Bösen, aber sieh zu, dass du nicht vergisst zu lieben. Wende dich um wie Johannes zu dem Licht, das dir sagte: Liebe deinen Nächsten. Diese Apokalypse legt deine Fundamente frei und macht es möglich, dass du mit anderen leben kannst. Auch diese Apokalypse ist jeden Tag. Die Offenbarung, dass der Urgrund aller menschlichen Gemeinschaft darin liegt, den anderen als Bruder und Schwester zu erkennen – losgelöst von allem Bösen, was er im Sinn haben mag. Diese schwierige Unterscheidung zwischen Mensch und Menschentaten zu erkennen, zu betrauern, zu ertragen, bedeutet, ein kleines Licht zu sein, ein kleiner Christus, ein Leuchter in der Welt, die voll Furcht vor dem Anderen und dem Fremden ist.

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