Apokalypse ist jeden Tag
XIX
Reiter des Grauens (Inspiration zum neunten Kapitel, Verse 13 bis 21 der Apokalypse des Johannes)
Wie beim Öffnen der sieben Siegel ist es auch beim Blasen der sieben Posaunen. Die sechste bildet einen kleineren Abschluss, ehe ein anderer Text vor dem siebenten Ereignis eingeschoben wird. Das Besondere bei der sechsten Posaune ist, dass sie eine Wiederholung der fünften Posaune zu sein scheint. Das ganze Buch der Apokalypse wiederholt sich, kreist um sich selbst, doppelt und verdreifacht Bilder, öffnet sich, schließt sich wieder. Es ist ein stetiges Auf und Ab an Spannung, das den Hörer oder den Leser mit sich reißt.
Waren es eben noch Fantasie-Heuschrecken, sind es jetzt Fantasie-Pferde, die auf die Menschheit losgelassen werden. Wer ehrlich ist, gibt zu: enträtseln kann man diese Texte überhaupt nicht. Vielleicht muss man das auch gar nicht. Es sind einfach Bilder des Grauens und Horrors, der in den verschiedensten, nicht fassbaren Formen über die Menschen hereinbricht. Krieg, Seuchen, Hunger – all das ist Grauen. All das steckt sicher in diesen Bildern von feuer-roten, rauchig-blauen und schwefel-gelben Pferden mit giftigen Schwänzen, die ein Drittel der Menschen hinwegraffen. Wir erinnern uns an die Steigerung: die sieben Siegel trafen immer ein Viertel von irgendetwas. Die Posaunen treffen je ein Drittel des Kosmos und der Menschheit. Grauen ist steigerbar. Das weiß der Mensch und er fürchtet sich davor.
Ist das alles so abwegig? Bis heute befasst sich die historische Forschung damit zu ergründen, wie viele Menschen in Europa wohl der Pest zum Opfer fielen. Die Annahmen schwanken zwischen einem Viertel und einem Drittel und sind sicher nah an der Wirklichkeit. Und nur, weil sich die Toten nicht mehr stinkend direkt vor unseren Nasen türmen, heißt das nicht, dass für irgendein Volk auf dieser Welt nicht wieder ein apokalyptisches Ereignis von Seuche, Hunger und Gemetzel stattfindet. Apokalypse ist jeden Tag. Dazu brauchen wir keine Posaunen.
Trotzdem ist die Schlussfolgerung der Überlebenden – wir bedenken noch einmal: jeder Einzelne von uns ist auch nur das Kind Überlebender – nicht, dass sie demütig und gütig werden, um Grauen zu beenden. Sie verharren in ihren alten Mustern und leben, wie sie es gewohnt sind. Da gibt es kein Umkehren, kein Innehalten, keine Sehnsucht nach dem Guten. Ist es nicht das, was Johannes uns mitteilt? „Irrt euch nicht, seid nicht naiv – die Menschen ändern sich nicht einfach so durch Leid und Qual und das Erleben der Konsequenzen ihres Handelns.“
Ein Übeltäter wird nicht gut, wenn man ihn bestraft und schlägt. So einfach funktioniert die Welt nicht. Ein Mensch wird nicht unbedingt kluge Entscheidungen treffen, wenn ihn die Konsequenzen seines Lebensweges einholen. Er wird nicht einmal in jedem Fall eine für ihn selbst ungesunde, auf lange Sicht tödliche Gewohnheit aufgeben. Wenn nicht tief in seinem Inneren ein Wille und Bereitschaft sind, sich umzuwenden, anders zu sein und zu werden und wenn nicht viel göttliche Geduld und Gnade durch den Kosmos wehen würden, wäre keine Änderung zu Guten möglich.
Aber wir wissen, egal wie oft sich die Kreise des Grauens auch wiederholen, es gibt die Hoffnung auf Veränderung und Besserung. Der Keim ist angelegt. Die Siegel und Posaunen und später die Schalen sind ein Kampf um diese Menschen, die das Gute nicht ersehnen können oder wollen. Gott gibt sie nicht auf. Dich nicht und mich nicht. Und wenn sie noch so viel Schrecken über sich und ihre Nächsten bringen. Geben wir selbst uns doch auch nicht auf und hoffen wir weiter, mutig ins Angesicht unserer Ängste und Nöte hinein.

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