Apokalypse ist jeden Tag
XX
Geheimnisse (Inspiration zum zehnten Kapitel der Apokalypse des Johannes)
Nun tritt wieder eine Pause ein, das große Atemholen vor dem Ende. Eine Monstrosität von einem Engel steigt vom Himmel herab. Ein Regenbogen ist auf seinem Kopf – was wohl nichts anderes bedeutet, als dass er so überdimensional groß ist, dass er die himmlischen Regionen berührt. Sein rechter Fuß steht auf dem Meer, der linke auf dem Land. Godzilla ist ein Zwerg dagegen. Kingkong eine Lachnummer. Das hier ist „the real shit“. Der Engel leuchtet ähnlich feurig wie der verherrlichte Christus zu Anfang, nur nicht ganz so hell. Er hat ebenfalls eine Buchrolle der Verkündigung in Händen, allerdings unversiegelt.
Je zorniger die Bilder werden, desto weiter entfernt sind sie vom Lamm im Himmel und den Visionen von Gottes Thronsaal. Es sind hier nur noch Engel, die Worte sprechen und Handlungen ausführen. Dieser Engel hier brüllt unfassbar laut. Er verkündet, dass es keinen Aufschub mehr geben wird, bald die siebente Posaune bläst und dann alles zu Ende sein wird.
Nun… die Apokalypse beweist durchaus Humor, denn wir befinden uns ja gerade in einem Zwischenstück – einem Text zwischen der sechsten und siebenten Posaune. Das ist nichts anderes als ein Aufschub, ein Hinauszögern. Johannes macht es für seine Leser und Hörer spannend. Nachdem schon das siebente Siegel nur Stille brachte, aber kein Ende und keine vollkommene Rache, wird dann die siebente Posaune endlich den Kosmos aufräumen? Wir wissen, dass es noch sieben Schalen geben wird und eine ganze Menge Text bis zum letzten, zweiundzwanzigsten Kapitel… Das Ende wird selbstverständlich hinausgezögert! Das ist das Wesen eines geduldigen Gottes.
Nun ist es nicht mehr das Lamm, das ein Buch mit sieben Siegeln öffnet und Offenbarungen schauen lässt. Die Rolle geht ganz über auf Johannes. Er ist es, der jetzt die Buchrolle aus den Händen des Engels nimmt, sie verschlingt und weissagen muss über alle Völker der Erde. Es ist ein altes, prophetisches Bild, wenn es heißt, dass die Buchrolle süß ist im Mund des Essenden, aber ihm bitter im Magen liegt. Es ist süß, Offenbarung von Gott zu empfangen, es ist bitter, sie weiterzugeben und die Menschen zu Ausharren und Geduld und Umkehr zu ermahnen. Johannes ist Botschafter des Lammes, bittet an Christi statt. Zugleich reiht er sich ein in die lange, uralte Tradition biblischer Propheten. Diese haben immer schon Gericht und Untergang prophezeit… und ein herrliches Ende der Wiederherstellung!
Wir müssen mit den Widersprüchlichkeiten leben lernen – in dieser Welt und in unserem Glauben in dieser Welt. Der Kosmos ist herrlich, die Welt um uns herum wunderschön – und doch frisst das eine Lebewesen das andere und die Menschen fügen sich leid zu. Es kann gemütlich, geborgen und glänzend sein im Glauben – aber doch ist da ein letztes Geheimnis, etwas Unantastbares, etwas Unfassbares. Es gibt nicht für alles eine Erklärung und Auflösung.
Was für ein McGuffin wird uns hier präsentiert! Johannes hört die Stimme von sieben Donnern und will aufschreiben, was sie gesagt haben. Es wird ihm verboten. Wir erfahren nie, was in dem Koffer im Film Pulp Fiction war, den die beiden Gangster schießwütig aus der Männerbude holten… Wir erfahren ebenso nie, was die Donner gesagt haben. Das stört uns. Wir wollen es erforschen und wissen.
Wir wollen alle Geheimnisse kennen und uns die Welt erklären, doch wir werden niemals alle Antworten haben und alle Widersprüche auflösen können. Wir müssen diese Spannung im Leben aushalten. Die Spannung zwischen dem Glauben an das Gute, an einen guten Gott – und all dem Bösen, das uns hier widerfährt. Aber irgendwann ist die letzte Posaune geblasen… dann löst sich vielleicht alles auf?
Wir hoffen darauf, in diesem Leben von Geheimnissen sanft berührt zu werden, manches zu erkennen, vieles durchzustehen und am Ende in der Lösung des kosmischen Rätsels aufzugehen.

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