Apokalypse ist jeden Tag
XXI
Rätselhafte Gestalten (Inspiration zum elften Kapitel, Verse 1 bis 14 der Apokalypse des Johannes)
Mitten in diesem fantastischen Buch werden die Bilder immer rätselhafter und dunkler. Niemand von uns Heutigen kann sie noch richtig deuten. Vielleicht konnten es nicht einmal die Leute, an die Johannes damals schrieb, völlig auslesen. Es gibt nur einige Anhaltspunkte, an denen wir uns orientieren können: es geht um die Stadt Jerusalem, die zwei Propheten haben Eigenschaften von Propheten aus den Schriften – vornehmlich Mose (der Wasser in Blut verwandelte) und Elia (der es aufhören ließ zu regnen) – und die Zahl 7 findet sich wieder als grundlegende Symbolik in den 42 Monaten und den 1260 Tagen – beides jeweils dreieinhalb Jahre, die zusammen sieben Jahre ergeben – die Vollzahl der prophetischen Offenbarung und der Verfolgung der Gläubigen.
Es erinnert auch Einiges an Jesu Leiden, Tot und Auferstehung. Die beiden „Zeugen“ genannten Männer liegen dreieinhalb Tage auf der Straße, ehe sie wieder lebendig werden – ein schönes Gegenbild zu dreieinhalb Jahren Zerstörung des Tempels und der Heiligen Stadt und dreieinhalb Jahren Verkündigung und Vergeltung durch die Zeugen. Die Zahlen spiegeln sich ineinander.
So Vieles wurde über diesen Text geschrieben, gepredigt und fantasiert. Manche erwarten gar am Ende der Zeiten zwei wahrhaftige Menschen, die auf diese Weise auftreten und die Worte ganz exakt so erfüllen. Doch ich denke wir müssen den apokalyptischen Text ernstnehmen – ihn nehmen als das, was er ist – eine Reflektion der Zeit, in der er geschrieben wurde und gleichzeitig eine überzeitliche und allgemeine Schau. Keine Kristallkugelzukunftsvorhersage.
Die zwei Zeugen können für so vieles stehen: für die mosaische Prophetentradition und die Erwartung, dass Mose am Ende der Zeiten wiederkommt einerseits – und für die allgemein prophetische Tradition, die Mose auch gerne widerspricht, wenn man die biblischen Texte genau liest andererseits – für diese Tradition steht die Erwartung der Wiederkehr des Propheten Elia am Ende der Tage. Beide Gedanken hat es gegeben unter den Juden der Zeit. Jesus selbst deutet an, in Johannes dem Täufer wäre Elia längst zurückgekehrt und er selbst wäre der Prophet, den Mose vorhergesagt hat.
Somit sind die geschilderten Dinge bereits geschehen und stehen nicht erst noch aus. Den Tod von Johannes dem Täufer und von Jesus haben die Menschen in Jerusalem bereits erlebt – ebenso wie die Zerstörung von Stadt und Tempel durch die „Heiden“, die Römer, im Jahre 70. Die Forschung konnte nachweisen, dass es eines der fürchterlichsten Massaker der Menschheitsgeschichte gewesen sein muss. Die 7000 durch das „Beben“ getöteten Menschen, die in diesem Text erwähnt werden, sind vielleicht sogar eine Untertreibung, doch wieder steht die 7 symbolisch für eine große und volle Anzahl.
Andererseits lässt sich der Text auch deuten auf die Zeugen vor Jesus und die Zeugen nach Jesus. Die Propheten aus dem Volk Israel und die Jünger Jesu – beide haben Umkehr, Buße, Rückkehr zum Gott Israels gepredigt – dem Herzen nach und nicht nur dem Gesetz nach. Religiöse Oberschicht und römische Herrscher – beide kommen nicht gut weg in diesem Text. Jerusalem, das sonst so heilig ist, wird hier als eine Stadt des Frevels und Untergangs beschrieben.
Und ja, es lagen wohl auch in Wirklichkeit für Tage Leichen auf den Straßen – Leichen von einfachen, frommen Juden und Leichen von eifrigen Judenchristen und Leichen von so vielen anderen Menschen. Auch das ist kein unbekanntes Bild. Wir erleben es gerade neu. Wir sehen die Bilder überall in den Zeitungen und im Netz. Und immer ist es furchtbar und verachtenswert, wenn große Mächte solch ein Morden verursachen und veranlassen. Alle sind schuldig geworden. Alle sollten so reagieren wie die Menschen nach dem großen Beben in der großen Stadt, wie es der Text beschreibt. Die Hand an die Brust schlagen, die eigene Schuld daran erkennen und nach Hause zurückkehren zu der eigentlichen Herrlichkeit, die dem Menschen besser ansteht als Meuchelei und Hass.
Apokalypse ist jeden Tag. Sie war in Jerusalem. Sie war an vielen Orten. Heute ist sie in Butscha. Und es ist unsere Verantwortung, dass wir das überwinden – das Leben fördern und nicht das Töten.

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