Apokalypse ist jeden Tag
XXVIII
Dreimal Wehe (Inspiration zum achtzehnten Kapitel der Apokalypse des Johannes)
Die drei Kreise des Gerichts, bestehend aus den sieben Siegeln, den sieben Posaunen und den sieben Schalen, führen nun auf das letzte Bild des Gerichts hinaus, in dem endlich deutlich wird, wer und warum gerichtet wird. Es ist immer noch dasselbe Gericht, von dem Johannes schreibt, aber jetzt treten die himmlischen Visionen klarer in die Sphäre der irdischen Wirklichkeit ein. Nun muss jeder begreifen, um wen und worum es geht.
Babylon, die Große – das ist Rom und das Römische Weltreich. Und die himmlischen Gerichtsbilder werden nun zu klaren Auswirkungen, die wir begreifen können und die wir schon an so vielen mächtigen Städten und Weltreichen gesehen haben. Rom wird erobert und vernichtet. Alle, die reich und mächtig geworden sind unter ihrem Einfluss und in Verbindung mit ihr, wehklagen über diesen Verlust.
Bemüht wird eine uralte prophetisch-poetische Weise, die Eroberung und Vernichtung einer Stadt vorherzusagen und zu beschreiben. Es ist ein Muster, das aus den prophetischen Gerichtsreden gegen die Israel feindlich gesinnten Mächte und Städte in den Schriften oft zu lesen ist. Die Stadt fällt. Die Richtigkeit des Gerichtes an ihr wird betont. Eine dreifache Wehklage wird über sie angestimmt. Archaische Bilder werden benutzt: nie wieder wird dort getanzt und geheiratet und gegessen werden. Wilde Tiere werden in den Ruinen hausen. Keiner wird mehr dort wohnen und lieben und ein Licht anzünden. Brach wird sie liegen, die Stadt. Die wilde, feindliche Natur holt sie zurück.
Selbstverständlich wissen wir, dass Rom noch heute eine Stadt ist, in der Menschen leben. Aber zeugen die von Touristen bestaunten Ruinen nicht zuverlässig von einem großen Reich, das untergegangen ist? Von Kriegen, Verfall und Niedergang? Was sich den Menschen damals andeutete, was Johannes prophetisch beschreibend ahnte und was wir heute an Spuren lesen, bestätigt den eigentlichen Wirklichkeitsgehalt eines Buches wie der Apokalypse. Der Untergang kommt zuverlässig. Ein Reich, das auf dem Blut anderer gebaut wurde, wird niedergehen.
Selbstverständlich beklagen in den drei Weherufen genau die Leute den Untergang Roms, die am meisten von seiner Herrschaft hatten: Leute, die durch den Einfluss Roms selbst Macht hatten und Leute, die durch den Handel mit der Metropole reich und fett geworden sind. Das ist heute noch so. Beklagen nicht genau diejenigen ihre davonschwimmenden Felle, welche am Handel mit üblen Mächten in dieser Welt reich geworden sind? Sind es nicht genau diese Menschen, die durch ihr Klagen alle anderen in den Jammer davonreißen möchten? Seien wir vorsichtig, uns zu Geschrei und Gewalt und Jammer auffordern zu lassen. Dass Reiche untergehen, hat Leiden für die Menschen zur Folge. Und ihnen wird, weise wie die biblischen Schriften nun einmal sind, dazu geraten, diese umkämpften Zonen zu verlassen, zu fliehen. Ein jeder, der vor dem Krieg flüchtet, ist ein kluger Mensch. Ein Mensch, der verstanden hat, dass es um Tod und Leben geht. Ein Mensch, der unser Mitgefühl und Verständnis verdient. Ein Mensch, der den Untergang seiner Welt erlebt und dem wir Mut machen sollten, dass nach jedem Untergang auch wieder etwas Neues entstehen kann und wird.
Wer will richten über solche, die kämpfen oder solche, die fliehen? Das eigentliche Gericht gilt den Verbrechen, die am Ende des achtzehnten Kapitels genannt werden. Hurerei, Zauberei und Mord. Das sind die schwersten Verbrechen, die die Schrift kennt. Diese Verbrechen werden dem großen Babylon zur Last gelegt und damit ihr beschlossener Untergang begründet.
Was anderes als Hurerei und Zauberei – also Anleitung zur Vergottung von Macht und Manipulation der Geschehnisse im Sinne der bestimmen wollenden Macht – ist Propaganda? Was anderes als Mord ist es denn, wenn ein Reich aufsteht und andere Reiche mit Krieg überzieht? Diese Verbrechen kennt die Menschheit aus allen Jahrhunderten. Und die Mächte, die sich dieser Verbrechen schuldig machen, sind im Keim und Kern dem Untergang geweiht. Wir brauchen nur die „Geduld der Heiligen“ und ein Herz, dass ein bisschen naives Vertrauen in die Gerechtigkeit von Tat und Konsequenz legt. Das Gericht wird kommen. Wenn wir Gericht so verstehen – als Konsequenz dessen, was bestimmte Taten unweigerlich erzeugen – dann ist das ein großer Trost.
Wehe, wehe, wehe, all ihr mächtigen Reiche, die ihr Menschenleben einsetzt, um Gewinn zu machen oder Gebiete zu erobern! Das Gericht kommt nicht von Gott oder Engeln oder Geistern. Das Gericht kommt durch euch selbst über euch. Darauf vertrauen alle, deren Leben willkürlich eingesetzt wird. Darauf vertrauen alle, die sich nach Zeiten sehnen, in denen die Liebe wieder groß gemacht wird.

Hinterlasse einen Kommentar