Apokalypse ist jeden Tag XXX

Apokalypse ist jeden Tag

XXX

Weißer Reiter (Inspiration zum neunzehnten Kapitel, Verse elf bis einundzwanzig der Apokalypse des Johannes)

Rom, die weltliche Gewaltherrschaft, ist gefallen. Es gab eine große Atempause des Jubels im Himmel. Nun wird der letzte Kreis der Gerichte fortgeführt. Nachdem die weltliche Gewalt an sich niedergeworfen wurde, geht es nun um den Gottheit anmaßenden Herrscher und seinen Propheten, der die Vergottung der Macht religiös umkleidete und als Dogma unter die Völker brachte. Die zweigesichtige, antigöttliche Macht, die alle Menschen versklavte, verkörpert durch Antichristus und Antiprophet, wird durch den Weißen Reiter und sein himmlisches Heer blutig niedergeworfen.

Diese Verse sind hochsymbolisch und enthalten die stärksten aller Bilder, die Johannes verwendet. Es sind auch die Verse, an denen Gläubige aller Generationen sich die Köpfe und Herzen zerrieben haben in dem Versuch, sie jeweils auf ihre Zeit und Umstände zu deuten. Alle zehn Jahre, wenn eine neue Krise die Welt schüttelt, wendet sich wieder ein Prophet diesen Zeilen zu und bald wird dieser Präsident, bald jener Kanzler zum Antichristen stilisiert – und die religiöse Seite dieser antichristlichen Symbolik wird gerne auf diejenigen angewendet, die nicht der eigenen christlichen Denomination angehören oder gar einer der anderen Weltreligionen.

Die Wahrheit ist vielleicht weniger furchteinflößend, aber zugleich auch härter, als wir glauben möchten. Alle Herrschaft in dieser Welt kann antichristliche Tendenzen entwickeln. Jede Religion kann antigöttlich (antimenschlich) und zerstörerisch werden. Allen Systemen ist der Keim des Bösen innewohnend. Weil die Systeme, denen wir uns anvertrauen oder die uns unterwerfen, alle ein und dieselbe Eigenschaft aufweisen: sie sind von Menschen erdacht, aufgebaut, geführt.

Es ist der einzelne Mensch, der erlösungsbedürftig ist, weil er schlicht bedürftig ist. Ausgeliefert und hilflos in einem Universum, das er zumeist als feindlich wahrnimmt und mit aller Kraft zu bewältigen versucht. Jedes System neigt zur Widergöttlichkeit, wenn es sich selbst vergottet. Dann wird es grausam gegen die Menschen, die es entweder kontrollieren oder behüten wollte.

Der Weiße Reiter soll Christus sein. Er ist so ganz anders als am Anfang und doch recht ähnlich. Wiederzuerkennen ist das zweischneidige Schwert, das aus seinem Mund geht und mit dem er Krieg führt. Das ist sehr wichtig. Der Reiter wird beschrieben mit vielen Kronen auf seinem Haupt – das vergottete Rom hatte viele Köpfe mit vielen Kronen. Christus ist hier ganz konkret als Gegenbild zur weltlichen Herrschaft entworfen – ein Haupt, das aber alle Herrschaft innehat. Selbstverständlich muss er das Tier und den Propheten bekämpfen und unterwerfen, wie es all die Verfolgten und Unterdrückten hoffen.

Man beachte, es geht hier denen an den Kragen, die das System verkörpern oder unterstützen. Der Krieg wird nur mit dem Schwert des Wortes geführt. Die Bilder von weltlicher Kriegsführung und prophetische Symbolik gehen ineinander über. Psalm 2 klingt an, in dem das eiserne Zepter dem messianischen Herrscher in die Hand gegeben wird, um die Israel und seinem Gott feindlich gesinnten Mächte endgültig zu besiegen.

Die Verse sind wahrhaftig, aber sie bilden keine konkrete historische oder zukünftige Realität ab. Das müssen sie auch nicht. Darin liegt schlicht die Wahrheit, dass alle Menschen-fressenden Systeme sich irgendwann selbst zerfressen werden – weil dieses Wort Gottes, der unter den Menschen wandelnde Jesus, es so sagte, wir darauf hoffen und es sich immer wieder bewahrheitet hat.

Das ist der einzige Krieg, den die Angehörigen des Lammes führen: Sie sehen das Zerstörerische, sie führen den Krieg des eigenen Festhaltens am Glauben und manchmal auch des Wortes und häufiger des guten und richtigen Tuns dagegen. Aber sie sind selbst nicht wie Rom. Diese Spannung muss jede Generation in ihrer Zeit aushalten, die Balance finden. Gegen welches Unrecht muss man aufstehen? Welches muss man eine Weile erdulden und selbst durchleiden? Wie kann man die Liebe zum Nächsten leben und damit das Reich Gottes unter das Reich des Tieres und der Hure und des Drachen schmuggeln?

Es ist ein ewiges Bild eines fortwährenden Kampfes, bis das Böse – im folgenden Kapitel verkörpert durch den Drachen, die Schlange, den Satan – endgültig besiegt sein wird und kein neues System der Machtvergottung mehr entstehen kann, weil der Kern, das Böse in uns, besiegt ist.