11. Dezember: Schwarzer Fluss
Ich war in den Sarg gefallen und fürchtete, den Spiegel zertrümmert zu haben. Doch da war kein Widerstand und keine Scherben im Gesicht. Gänzlich unverletzt stand ich am Ufer eines Flusses, der schwarz und ruhig vor sich hin floss. Wo ich stand, war Nacht. Auf der gegenüberliegenden Seite sah ich die Schatten einer hügeligen Graslandschaft in den ersten Ausläufern einer rosafarbenen Morgendämmerung. Ich blickte hinter mich. Da war keine Gruft, kein Sarg mehr und kein Spiegel, nur wieder weite Nacht.
Da es nichts anderes gab, trat ich vor an das Ufer des Flusses. Nachdem ich gut gegessen hatte, viele Dinge angefasst und ins Schwitzen gekommen war, verspürte ich den Drang, mir Gesicht und Hände zu erfrischen. Ich ging auf die Knie, tauchte die Hände in das Wasser und warf es mir ins Gesicht. Es war eisig, aber klar und frisch. Ich trank einige Schlucke.
„Wer berührt das Wasser des Totenflusses? Wer trinkt von meiner Straße?“, hörte ich eine laute Stimme neben mir.
Ich erschrak heftig. An meine Seite war ein magerer Mann getreten, in graue Lumpen gehüllt, mit grauem Bart, grauen Locken und auf einen dünnen Stab gestützt. Aus dunklen Augenhöhlen sah er mich an, ohne Freundlichkeit, aber auch nicht so, als hätte ich etwas allzu Schlimmes getan.
„Der Totenfluss?“, fragte ich verständnislos.
„Hm, hast ein gebildetes Gesicht. Kennst ihn vielleicht unter dem Namen Styx. So hat mein alter Freund Dante ihn benannt und vor ihm die klassischen Alten.“, meinte er und begann zu schmunzeln.
„Bin ich tot?“, fragte ich.
„Irgendwann wirst du es sein. War Dante tot, als er uns besuchte? Hätte er sonst den Lebenden davon schreiben können?“
„Bin ich in der Unterwelt? Also… der Hölle?“
„Unsinn. Du bist in der Schattenwelt. In der Welt, die ihr in euren Träumen berührt. In der Welt, deren Landschaften ihr beim letzten Übergang queren müsst, bis ihr die Dämmerung erreicht.“, erklärte er, indem er den Arm mit dem Stab darin anhob und ihn energisch schüttelte.
Ich musste lachen.
„Sag nicht, du bist Vergil oder der Fährmann?“, meinte ich belustigt.
„Ich bin nicht der Dichterführer. Den hat sich der andere Dichter zum Freund und Begleiter gedacht. Ein alter Trick, wenn du den Menschen etwas erklären willst und sie belehren. Erfinde einen Lehrer, lass dich von ihm belehren und erzähle den Leuten davon, wie du selbst belehrt wurdest. Dann denken sie nicht, du würdest sie belehren, obwohl du es tust. Menschen wollen Dinge wissen, aber sie wollen nicht, dass ihnen einer sagt, wie dumm sie sind.“, erklärte er.
„Dann bist du der Fährmann. Ich hätte nicht gedacht, dass du… so bist.“
„So? Wie bin ich denn?“, fragte er und grinste.
Sein hageres Gesicht wurde immer freundlicher. Es machte ihm Spaß, mit mir zu reden. Das ermunterte mich.
„So… witzig.“, sagte ich.
Der Fährmann lachte jetzt und schüttelte sich.
„Nun, der Tod ist ja auch eine lächerliche Angelegenheit. Denk dir nur: ihr seid Wesen mit einem unendlichen Geist und doch habt ihr ein Ende. Ihr könnt über ihn lachen, über den Tod. Ihr könnt lachen und eure Angst lächerlich machen. Ist das nicht komisch?“
Jetzt sah ich ihn nur an. Meine Vermutung war, dass der Fährmann nicht alle Tassen im Schrank hatte. Ich mochte ihn, darum folgte ich ihm den Fluss entlang, als er mir winkte. Aus den Schatten tauchte sein ans Ufer vertäutes Boot auf. Es war wesentlich kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte. Vielleicht war es aber auch nur eines von mehreren Booten, die der Fährmann besaß. Er könnte zwischen verschiedenen Modellen wechseln, je nachdem, wie viele Passagiere zu fahren wären.
Das Boot glich eher einer Gondel. Der Fährmann hieß mich einsteigen. Ich nahm auf der Bank in der Mitte Platz. Vor und hinter mir waren auch je eine Bank. Doch bis auf mich und den Fährmann, der sich jetzt hinter mir in das Heck stellte, gab es keine Reisenden.
„Bringst du mich an das andere Ufer?“, fragte ich leicht besorgt.
„Sei nicht albern. Du bist nicht tot. Du bereist nur die Ufer des Todes. Ein Blick in die Schatten ist dir vergönnt. Es ist das Geschenk eines Freundes.“
„Der Passus.“, flüsterte ich.
Das Boot saß mit dem Bug fest am Ufer. Wie wollte der Fährmann es vom Heck aus bewegen? Ich drehte mich um und sah, wie der Mann seinen dünnen Stab hob und damit nach vorn deutete. Mit einem Ruck löste sich die Gondel. Überrascht krallte ich mich an den Rändern fest, während wir stoßweise in das schwarze Wasser glitten. In der Mitte des Flusses richtete das Boot sich aus und schoss davon. Fasziniert warf ich Blicke über meine Schulter. Der Fährmann stand hoch aufgerichtet und hielt den Stab vor sich ausgestreckt. Mit ihm befahl er dem Gefährt, ohne das Wasser berühren zu müssen.
Mir wurde es anstrengend, ständig hinter mich zu blicken. Ich wandte meine Aufmerksamkeit nach vorn auf das schwarze Wasser, das ungefährlich träge dahinfloss. Links und rechts an den Ufern lagen die Hügel, die Schatten und eine blasse Dämmerung. Nichts weiter war zu erkennen. Auf dem Styx zu fahren war eine langweilige Angelegenheit.
„Es ist nichts zu sehen.“, beschwerte ich mich.
„Selbstverständlich nicht.“, antwortete der Fährmann.
„Das verstehe ich nicht. Sagtest du nicht, du würdest Dante kennen? Hat er nicht alle möglichen Wunderdinge gesehen?“
Der Fährmann lachte schallend.
„Ja, in seinem Kopf! Mädchen, was hast du gedacht, wie das Land des Todes aussieht?“
„Keine Ahnung.“, gab ich zu. „Feuer, Kälte. Seelen?“
„Die Seelen sind nicht hier. Nur die Schatten. Hast du denn vom Passus nichts gelernt? Der Tod ist nur ein Übergang. Der Übergang verweilt nicht. Und niemand verweilt beim Übergang. Es gibt nur den Fluss, die Schatten und die Angst. Darüber hinaus dämmert der Morgen. Den muss jede Seele erreichen.“
Ich schwieg. Wozu war ich hier, wenn nichts zu sehen war? Nichts zu lernen. Nichts zu erleben. War ich enttäuscht? Ein wenig. Doch meine bitteren Gefühle schwanden, als ich am anderen Ufer eine Gestalt erblickte, auf die der Fährmann zuhielt.

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