12. Dezember: Hoher Besuch
Der Fährmann hob den Stab und die Gondel hielt. Der bärtige alte Mann stieg ein, setzte sich mir gegenüber, dann streckte der Fährmann wieder seinen Stab aus, dass wir gemeinsam losfuhren.
„Ich war lange nicht hier.“, sagte der Mann, dessen Stimme Bildung und Nachdenken verriet.
Er strich sich den Bart und zog sein Gewand zurecht. Ich sah die Tzitzit hervorgucken und ich sah den Gebetsschal auf seinen Schultern. Seit Jahrhunderten hatte sich an der Kleidung der frommen Juden wenig verändert. Warum war er mit mir in einem Boot?
„Als ich noch jenseits des Flusses war und noch nicht durch den Scheol gegangen war, da war es nicht üblich, dass ich mit einer Frau redete. Aber der Tod macht alle gleich.“, sagte er.
„Ich bin Lina. Wer bist du?“, fragte ich.
„Nikodemus.“, antwortete er.
„Etwa d e r Nikodemus aus der Bibel?“, fragte ich überrascht.
„Von der Bibel weiß ich nichts. Ich war dabei, als man meinen heimlichen Meister bestattete. In meinem Grab, in dem eigentlich ich liegen sollte. Da lag ich sicher auch irgendwann. Doch vorher war er dort. Und dann nicht mehr. Ich weiß, dass es kluge Männer gegeben hat, die den schwarzen Fluss durch den Scheol besuchten, um mich zu befragen. Sie wollten eine Schrift nach mir benennen. Ein Evangelium, wie sie sagten. Denn schließlich habe ich ihn begleitet, den großen Rabbi, auf seiner letzten Reise, wie alle dachten. Aber dann war das Grab leer. Der Scheol ist leer. Das wusste ich nicht. Das hat uns die Schrift nicht gesagt.“
Ich hatte gehört von einem Evangelium nach Nikodemus, nach jenem Nikodemus, der den toten Jesus in sein Grab gelassen hatte. Der heimlich in der Nacht mit dem Rabbi redete. Darum war er jetzt hier. Ein rechter Führer der Nacht und der Schatten. Er hatte den Übergang begleitet. Man hatte nach ihm das Evangelium benannt, in dem man sich die Ankunft Jesu im Hades vorstellte und seinen Sieg über den Tod. Dante hatte Vergil, weshalb sollten sie nicht ihren Nikodemus haben? Was aber war mit mir?
„Warum bin ich hier?“, fragte ich ihn.
„Aus demselben Grund wie alle anderen, die am Ufer des schwarzen Flusses wanderten, all die Dichter und Propheten.“, sagte er.
„Ich bin weder das eine noch das andere.“, gab ich zu bedenken.
„Was spielt das für eine Rolle?“, fragte Nikodemus und sah dabei ganz wie der gelehrte Pharisäer von einst aus. Streng, fromm, Ehrfurcht gebietend. Er fuhr fort. „Der Tod macht alle gleich. Also was spielt es für eine Rolle, wer oder was wir beide einmal waren? Du bist hier, weil du deine Angst vor dem Übergang verlieren willst. So wie die anderen.“
„Was muss ich dafür tun?“, fragte ich ihn.
„In den schwarzen Fluss tauchen.“, sagte er.
Ich sah ihn schweigend an, blickte dann über den Rand der Gondel auf das stetig fließende Wasser. Es war kalt. Es war finster. Es war nicht sicher. Ich schüttelte den Kopf.
„Es ist gefährlich.“, flüsterte ich.
Der Fährmann, der die ganze Zeit nur gelauscht hatte und ansonsten stur seinen Stab von sich gestreckt über den Fluss gestarrt hatte, begann jetzt schallend zu lachen.
„Du bist hierhergekommen. Freiwillig. An die Ufer des Todes, des letzten Feindes, dem ein Mensch begegnet. Und jetzt hast du Angst vor einem Bad?“
Er kicherte vor sich hin. Er war ein bisschen verrückt.
„Ich bin nur ein Schatten.“, flüsterte Nikodemus. „Du bist Fleisch und Blut. Du musst nach Hause.“
Die Gestalt des Nikodemus wurde blass, durchscheinend und verschwand. Das Boot hielt an. Ich drehte mich um. Der Fährmann war auch verschwunden. Ich schaukelte allein in einer Gondel auf einem schwarzen Fluss; in einer Welt, die nur den ewigen Augenblick einer nicht durchbrechenden Morgendämmerung kannte. Die Angst überkam mich mit aller Macht, wo sie zuvor nur gelauert hatte. Ich schrie. Ich rief nach dem Fährmann, nach Nikodemus, nach dem Passus, sogar nach Tristitia, um mehr zu spüren als diese furchtbare Angst und Einsamkeit.
Die Gondel trieb weiter Fluss abwärts. Sie würde dies bis in alle Ewigkeit tun, ohne irgendwo anzukommen. Ich würde an keines der Ufer gelangen. Der Fährmann war nicht für mich da. Ich musste zurück. Ich konnte nur zurück durch das Wasser. Es war wie flüssiger Tod unter mir. Aus meinem Schreien wurde stilles Weinen. Das Weinen ließ wenigstens zu, dass ich endlich nachdachte.
Hatte ich nicht schon von dem Wasser getrunken und es berührt, als ich durch den Sarg-Spiegel gefallen war? Es war der einzige Ausweg und der Weg zurück. Ich stand auf. Die Gondel schwankte. Schnell bückte ich mich nach vorn und griff nach den Rändern. Sollte ich mich ausziehen? Allein bei dem Versuch würde der Kahn mich ins Wasser kippen. Der Fährmann hatte im Bug das Gleichgewicht gehalten und er war nicht mehr da.
Also mit Kleidung hineinspringen? Sie würde mich auf den Grund ziehen. Aber war es nicht genau das, was passieren sollte? Ich wünschte mir, der Passus wäre bei mir. Er hätte genau gewusst, was ich zu tun habe. Ich hätte seine Hörner berühren und mir Kraft holen können.
Es half nichts. Dreimal atmete ich tief ein, dann ließ ich mich über den linken Rand ins Wasser fallen. Es war wie ein Eispanzer um meinen Körper, schloss sich sofort über meinem Kopf. Kein Licht drang unter die Oberfläche. Die schwärzeste Nacht umfing mich. Ich war nicht mehr da. Die Zeit war nicht mehr da. Nichts. Alles war zu Ende.

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