13. Dezember: Furchtloses Erwachen
Zuerst war es noch dunkel. Ich erkannte, dass meine Augen geschlossen waren. Ehe ich sie aufschlug, vergewisserte ich mich, dass auch der Rest meines Körpers mit mir gekommen war. Ich spürte ihn. Er lag fest und warm. Endlich wagte ich, die Lider zu öffnen. Über mir schwebte das willkommenste Gesicht. Die tiefschwarzen Augen des Passus blickten mich besorgt an. Ich konnte besser in ihnen lesen als zuvor. Wie hatte ich nur denken können, dass sie tierisch waren? In all ihrer Wildheit lag ein lebendiger Geist. Dieses lange Gesicht und diese wundervoll geschwungenen Hörner hatte ich vermisst. Ich lag in den Armen meines Freundes. Er saß auf dem Boden, seine Beine unter mir. Wie schon zuvor bemerkte ich, dass der kühle Körper trotzdem Wärme schenkte.
„Wenn du nur da gewesen wärst.“, murmelte ich.
„Ich war die ganze Zeit da. Der schwarze Fluss ist ein Übergang.“, sagte er und nun konnte ich das Lächeln in seinen Augenwinkeln erkennen.
Ich richtete mich auf und kämpfte mich auf die Füße. Erstaunlicherweise war ich nicht nass geworden. Meine Kleidung allerdings blieb um Schal, Mütze und Jacke reduziert. Wir befanden uns wieder auf dem Grufthügel. Königin Tristitia war nicht zu sehen. Der Mond hatte einen Schleier aus Wolken vor sein Gesicht gehängt. Der Frost war einer kalten Brise gewichen. Das Eis der Sterne wurde von einer dichter werdenden Wolkendecke abgeschirmt. Die Felder lagen in unsichtbarer Ferne. Nur noch dieser Hügel, sein graues Gras und die verwitterten Monumente vermochte das gefilterte Mondlicht deutlich zu zeichnen.
„Was für ein Geschenk war das?“, fragte ich mit leichtem Vorwurf.
Der Passus stand auf. Er verbeugte sich höflich.
„Verzeih, doch du musstest deine Furcht vor dem letzten Feind endgültig abwaschen, ehe wir weiter in die Nacht reisen. Fühlst du es nicht?“
Ich senkte den Kopf und horchte in mich hinein. Er hatte Recht. Es war anders. Ein großes Lachen stieg in mir auf und floss über meine Lippen. Von mir aus griff ich nach den Händen des Passus und hüpfte auf und ab. Er gab mir bereitwillig seine Finger, lachte sein fröhliches Meckern und hüpfte mit mir, als wären wir zwei kleine Kinder.
„Ich habe keine Angst mehr!“, rief ich.
Es stimmte. Um mich herum war Finsternis und Tod. Die Gebeine schliefen zu meinen Füßen und ich war nie so erleichtert und glücklich in der Dunkelheit gewesen. Das Sterben war nah und fern. Es geschah in jedem Augenblick. Es gehörte dazu. Es machte mir nichts aus. Ich war Teil der Nacht und der Morgendämmerung. Ich war Mensch und lachte über mich.
Als wir uns beruhigt hatten, setzten wir uns auf eine Steinbank. Der Passus legte seinen Arm um meine Schultern, um mich zu wärmen. Es wäre nicht nötig gewesen, denn innen war ich warm genug, doch ich mochte die Nähe eines Freundes. Das machte die Sterblichkeit zu einer süßen Sache. Ruhig atmend blickten wir in den Himmel, dessen Wolken sich unheimlich wallend sammelten. Wir warteten auf etwas. Vor meiner Fahrt auf dem schwarzen Fluss hätte ich gefragt, worauf. Nun wartete ich einfach. Es ist einer der Vorteile der Endlichkeit, dass man warten kann und immer etwas passieren wird, bis gar nichts mehr passiert. Ich genoss es mit jedem Atemzug.
Aus der Brise wurde ein Wind, der die kahlen Bäume des Friedhofs knarren und knacken ließ. Ein Rauschen fuhr durch das Gebüsch in der Nähe der Bank. Das farblose Gras legte sich in Wellen auf den Boden. Wir sahen höher zum Himmel auf. Die Wolken vor dem Mond zogen immer schneller vorbei. Weißes Grau und blaues Schwarz wechselten sich in ihren Formen ab. Manchmal war der Mond so verdunkelt, dass ich den Passus neben mir kaum noch erkennen konnte. Dann wieder reflektierten watte-artige Wolkenschleier sein Licht auf eine Weise, die seine Gestalt und die Kanten der Monumente scharf zeichneten.
„Etwas kommt auf uns zu.“, bemerkte ich.
Der Passus sah mich an, als wäre er stolz auf mich, als hätte ich etwas Wichtiges gelernt.
„Ganz recht, Lina! Das Bad im schwarzen Fluss hat deine Augen und Ohren gewaschen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Eher mein Herz.“, bemerkte ich.
Der Passus beugte sich hinüber zu mir und berührte mit seiner Stirn die meine. Er seufzte, lehnte sich wieder zurück und sah wie ich weiter in den Nachthimmel. Die Wolken ballten sich, in ihnen ein Wetterleuchten. Eine plötzliche Böe riss an meinen Haaren. Aus dem Wind wurde ein Sturm, der sicher Schnee und danach die lange Winterkälte bringen würde. Ich verengte die Augen. Ein riesenhaftes Wolkengebilde, das tiefer hing als die Decke darüber. Es war besonders beweglich, wirkte so, als hätte es ein eigenes Leben, das keinem Sturm gehorchen wollte.
Der Passus stand auf und ich tat es ihm gleich.
„Bereit?“, fragte er.
„Wofür?“, fragte ich zurück.
„Na, für die Wilde Jagd, wofür sonst?“
„Wofür sonst.“, bestätigte ich und lachte.
Mit vor Aufregung klopfendem Herzen sah ich, wie das Wolkengebilde herabsank, genau auf uns zu. Es war keine Angst, die mich bewegte. Es war Neugier, Lust auf etwas Neues.

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