Der Tabor – Eine persönliche Fastenbetrachtung

Ich war dort, vor 25 Jahren, und habe ihn mit eigenen Augen gesehen. Ich bin auf seiner Kuppe umhergelaufen, unter der sengenden Sonne, die mein blondes Mädchenhaar weiter bleichte. Ich habe die verrauchte Stimme der Jüdin gehört, die so hieß wie eine der Frauen aus der Altväterzeit: Dina. Dina, die vergewaltigte Frau, eine unbedeutende Schwester vieler Brüder. Nicht Deborah, die prophetische Kriegerin. Es wäre passender gewesen, wenn sie Deborah geheißen hätte, als ihre Stimme dunkel wie die der Prophetin über den Berg Tabor klang. Wäre dies der Anfang eines Romans, dann hätte sie ganz sicher Deborah geheißen, um eine Parallele in Raum und Zeit zu schaffen, die den Geist des Lesenden an die folgenden Zeilen fesselt, seine Person einbindet in Geschichte und Geschehen.
Aber dies ist eine schlichte Erinnerung an das, was war. Mein 15jähriges Ich stand auf diesem Berg, so naiv ernst im kindlichen Glauben, dass es kaum begriff, wo es war. In diesem Sinne glich ich Petrus, der anfing zu plappern im Angesicht des umgreifend Unfassbaren. Und doch, von all den Bergen, die unsere Reisegruppe damals in Israel bestieg, ist es dieser eine, der sich fest in die Topografie meines Inneren gefügt hat. Das ist insofern bemerkenswert, da dieser Berg mir damals gar nicht wichtig war. Es gab kein Großes Aha, kein heiliges Erschauern, keine mystische Erkenntnis. Nur die monotone Zigarettenstimme unserer Führerin, die gleißende Sonne und die Sehnsucht danach, wieder in den klimatisierten Bus zu steigen, vielleicht sogar als Erste, während die alten Tanten dort draußen noch mit einem der Händler um billige Ketten und Souvenirs feilschten, damit ich vor ihrem Geplapper einige Momente Ruhe hätte, um meinem eigenen Gedanken-Geplapper über diesen Berg zu lauschen.
Wie es Petrus erging, so auch mir, als wir von dieser Kuppe wegfuhren, die sanft wie die schwellende Brust einer jungen Frau aus der Landschaft ragt, gerade so, als würde gleich ein Gott herabsteigen, um sie mit zärtlicher Hand zu liebkosen. Erst im nachseitigen Anblick, im Abschied, begriff ich, dass dieser Berg wichtiger ist als der Sinai mit seiner Gesetzgebung des Bundes. Ja, wichtiger als der Berg der Seligpreisungen, auf dem Jesus jenes Sinaitische Gesetz neu auslegte und den wir auch besichtigten. In dessen ehrwürdiger Kirche saß ich gerade in jenem Augenblick, als die Sonnenstrahlen das Fenster mit der lateinischen Inschrift „Beati pacifici quoniam filii Dei vocabuntur“ erleuchteten, der Seligpreisung, die mir mit der gut-christlichen Kinds-Taufe als Lebens-Vers mitgegeben wurde: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“. Und eines von Gottes geliebten Kindern wollte ich sein, darum mühte ich mich so lange um diesen Segen, bis er mir fast zum Fluch wurde und meine Seele zerbrach, denn ich hatte vergessen und kaum gekannt, was weiter geschrieben steht: „So viel an euch liegt, haltet Frieden.“ So viel an uns liegt. Es lag nicht in meiner Macht, diesen Segen mit Gewalt an mich zu reißen.
Tabor hingegen, dieser sanfte Hügel, dieser weiblichste aller Berge in Israel, riss mich an sich mit seinem seltsamen Segen, ohne dass ich es merkte. Immer wieder begegnete mir dieser Berg und in der Rückschau erhebt er sich höher und höher aus meiner Seelenlandschaft. Es ist seltsam, dass dieses Stück Land mir so gleichgültig war, als mein Fuß es berührte, aber in meiner Erinnerung, im Abgrund meiner Seele, zum Sammelpunkt meiner Betrachtungen wurde.
Es ist der Tabor, an den ich oft denke, wenn ich im Inneren meine Traumlandschaften abgehe. Es ist der Tabor, auf dem ich Jesus sitzen sehe und zu seinen Jüngern sprechen. Ja, selbst Maria sitzt auf dem Tabor zu seinen Füßen, nicht im Dunkeln ihres Hauses, wie es die Geschichte erzählt. Da, wo Frauen hingehören, eingeschlossen von Wänden. Nicht mit erhobenem Prophetenarm auf dem Tabor, Streitkräfte befehligend. Aber ist es nicht so, dass Maria das tat, was Männer taten? Sie lauschte einem Lehrer. Das ist ebenso unerhört wie das, was Deborah wagte. Also sehe ich auch sie auf dem Tabor, verschmelze mit ihr und lausche.
Immer sind diese Bilder durchflutet von einer Sonne, die heiß ist, fast im Mittag steht, aber angenehm geschwächt wird durch einen gnädigen Windhauch. Kein sengender Ostwind, sondern ein letztes Wehen des feuchten Frühjahrs, das die Blätter und Früchte des Sommers üppig werden lassen wird. Es ist dieselbe Sonne, die ein Glitzern auf die Wellen des Sees Genezareth malt und dicht unter der Oberfläche die Schuppen reicher Fischschwärme lustig aufblitzen lässt. Es ist der Tabor, der für mich im Zentrum des Geschehens liegt. Nein, nicht der schwarze Schädelberg Golgotha, nicht der von Feuern umtoste Sinai, nicht die Höhen, auf denen David mit seiner Räuberbande umherzog. Es ist der Tabor in der Stille des späten Vormittags. Ein Berg, zu dessen Füßen und an dessen Hängen Schafe weiden. So zumindest sehe ich es in mir und immer, wenn ich Schafe an einem Hang betrachte, hier im Norden unter unserer kalt beißenden Sonne, dann träume ich zugleich den lichtdurchfluteten Tabor mit.
Der Berg der Verklärung. Der Berg, auf dem Jesu Körper und Kleidung zu Licht wurden. Der Berg, auf dem er blendet, das Menschsein scheinbar ablegt und hineinfließt in seine Göttlichkeit, bevor er sich auf den Weg macht, um in grausamster Art und Weise sein menschliches Fleisch von der Seele streifen zu lassen, deren Licht eben noch auf das Gesicht seiner drei engsten Vertrauten gefallen ist. Die Mitte seines Wirkens, Anfang vom Ende, Beginn einer neuen Ewigkeit. Die rätselhafte, entrückteste Erzählung der drei synoptischen Evangelien, traditionell verortet auf der Kuppe des Tabor. Dieser einzelnstehende Berg, von dem aus man weit in alle Richtungen sehen kann und den man weithin aus jeder Richtung sieht. Das ist es, was mich gerade heimsucht.
Fotos habe ich davon gemacht, die ich nicht mehr besitze, aber eine Postkarte mit der Ansicht des Tabor habe ich damals von meinem bei einem schmierigen Wechsler eingetauschten Taschengeld erworben. Mit Schekel bezahlt, ein wiederbelebter Name für eine neue Währung, so alt wie das Bibelbuch, in dem der Berg erwähnt wird. Diese Karte liegt in einer Sammelkiste bei den wenigen Erinnerungen, die mir etwas bedeuten. Jetzt, wo ich das hier schreibe, suche ich sie mit leichter Erregung heraus. Ja, mein Gedächtnis hat mich in dieser Hinsicht nicht betrogen. Eine sanfte, begrünte Rundung, dicht umsiedelt und das Land drumherum beackert, im Hintergrund, mit dem Horizont fast verschmelzend, blasse Höhenzüge, so fern, dass diese Kuppe sich mit Macht ins Auge drängt. Auf der Rückseite steht geschrieben „Mount Tabor Transfiguration“. Auf Englisch und mit dem Wort „Verklärung“ eindeutig für christliche Pilgertouristen erstellt. An einem Tag aus Grau, Braun und Schmutzig-Grün aufgenommen, so gar nicht erleuchtet.
Den Leuten, die nun am Fuße des Tabor wohnen, ist dieser Hügel wahrscheinlich so liebevoll gleichgültig wie es uns unsere eigene Heimat ist. Dass im Hirn eines 15jährigen Mädchens dieser Berg eine lebenslange Dominanz einnehmen wird, darüber würden sie wohl gelächelt haben, hätte man es ihnen erzählt. Längere Zeit jedoch war dieser Berg mit Nebel verhangen, dichter als der Dunst, in dem das Touristenbild nachlässig aufgenommen wurde. Ich dachte nicht an ihn und kämpfte mit dem Leben, bis der Berg mir neu in die Hände fiel.
Ein ramponierter, aussortierter Druck aus einem antiquarischen Buch über Reiseerfahrungen im Lande Palästina, vermutlich Mitte / Ende des 19. Jahrhunderts zu datieren, lag in der Buchhandlung, in der ich 12 Jahre später meine Arbeitsheimat gefunden hatte. Er ruhte bei der Kasse, um im Papierkorb entsorgt zu werden. Die Ränder eingerissen, Buchstaben des Textbildes, auf das die Illustration lange gepresst war, in das Papier eingesickert, mit Bleistift in hässlichem Sütterlin „Der Berg Tabor“ darunter gekritzelt, von Stockflecken behaucht, ungleichmäßig gegilbt, ein übler Schmutzfleck am rechten Rand, schief aus dem Buch geschnitten. Kurzum: nicht verkäuflich, beschädigt, Abfall.
Vorsichtig nahm ich das Blatt zur Hand, um es zu studieren, mich gewissermaßen zu verabschieden, ehe es unwiderruflich dem Abort anheimfallen würde. Als wollte ich ein Abbild in meinen Hirnwindungen speichern, damit dieses vergängliche Menschenwerk noch eine Weile mit mir weiterlebt. Ich wusste nicht, was es darstellen sollte, las die Unterschrift gar nicht, aber mir schoss es sofort durch den Kopf: Das! Das ist der Berg Tabor! Ich erkenne ihn! Jetzt erst nahm ich die winzige Bildunterschrift und die Bleistiftnotiz wahr, die mich bestätigten. Nein, diese Abbildung ist der Druck eines fantasievollen Stiches, von der Hand eines Künstlers namens F. Grünewald. Die Kuppe ist nackt und unregelmäßig, sie läuft wesentlich spitzer zu als auf der modernen Fotografie. Fantasiebäume erheben sich im Vordergrund, Fantasiegestalten hocken klein auf einem Fantasiewege, der auf einem Fantasievorsprung verläuft, von dem der Betrachter des Bildes gleichsam in die Perspektive hineingezogen wird. Auch wenn der Berg vor gut 150 bis 200 Jahren anders ausgesehen haben mag als heute – weniger bewaldet und bewirtschaftet, weniger fortgeschrittene Erosion vielleicht – es ist ein ästhetisch überhöhtes Produkt, ganz fremdartig, wenn man es gegen die Postkarte hält, wie ich es gerade tue, denn mittlerweile habe ich auch den Druck aus meiner Erinnerungskiste gezogen.
Ja, ich habe dieses beschädigte, unansehnliche Ding aufbewahrt, mit nach Hause genommen. Wie auch immer Gestaltung, Einbildung und Perspektive den Tabor verzerrt haben mögen, so habe ich ihn doch wiedererkannt. Vielleicht, so sage ich mir, eher mit dem Herzen als mit dem Verstand. Zumindest hat mich diese erneute Begegnung dazu angeregt, etwas Eigenes zu schaffen. Ich weiß nicht mehr, ob ich eine Fotografie verwendet habe oder ein willkürlich herausgesuchtes Foto aus dem Internet, aber ich malte nach irgendeiner Ansicht ein ziemlich schlechtes Aquarell, das ich verschenkte. Es wurde in nachsichtiger Liebe tatsächlich gerahmt und aufgehängt.
Seit jenem Tag hat sich der Tabor aus dem Nebel gelöst und steht mir wieder vor Augen. Heute, 25 Jahren nach dem Besuch auf seinem Gipfel, da ich diesen Text schreibe, liegt er klar vor mir, in der Sonne und im Licht dieser Welt. Es ist Fastenzeit im Jahr 2025.
Man kann den Aufstieg Jesu zum Berg Tabor als den Anfangspunkt der unaufhaltsamen Entwicklung nehmen, die zu seiner Verhaftung und Kreuzigung führten. Als er von diesem Berg herabstieg, redete er von seinem Tod, ging sehenden Auges darauf zu, bereitete sich darauf vor, öffentlich in Jerusalem aufzutreten, in dem Wissen, dass es den Zorn der religiösen und der politischen Eliten heraufbeschwören würde. Er wusste, was er tat, als er es tat. Es lag im Lichte des Tabors vor ihm. Darüber denke ich heute nach, weil ich an einem stillen Sonntag zum Auftakt der Fastenzeit eine Internetpredigt über den Berg Tabor und sein Licht der Verklärung gehört habe. Es war eine gute Predigt, zumindest in meinen Ohren. Der Inhalt interessiert hier nicht, sondern vielmehr, dass es die Erinnerung an den Tabor in mir ausgelöst hat.
Die Postkarte wird durchsichtig, das Schwarzweiß des Stiches verblasst zu geisterhaftem Grau. Das Heute schwindet und ich befinde mich wieder auf dem Berg im Licht einer Sonne, die kurz davor ist, zu sommerlicher Glut zu schmelzen. Hitze, die gerade noch zu ertragen ist. Licht, gegen das ich meine Augen abschirmen muss, um überhaupt etwas zu erkennen. Plötzlich kann ich glauben, dass es den drei Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes ebenso erging, als sie im Gegenlicht auf ihren Lehrer und Meister blickten, dessen Gesicht dem physischen Licht dieser Welt, der Sonne, vielleicht zugewandt war, als er sann und betete oder einfach nur dastand. Ich glaube, dass sie in diesem Augenblick etwas erkannten, das sie zutiefst erschütterte. Ein anderes Licht trat vor das Licht der Sonne, das eigentliche Licht der Welt wie es im Johannesevangelium steht. Es ist dasselbe Licht, das Licht vom Berg Tabor, das im ersten Kapitel dieses Evangeliums beschrieben wird. Das erste Kapitel bei Johannes ist der Berg Tabor, in dessen Licht die folgenden Kapitel dieses mystischen Evangeliums zu lesen sind. Darum unterscheidet sich dieses Buch von den anderen drei, Matthäus, Markus und Lukas.
Ist es in diesem Taborlicht nicht verständlich, dass es Petrus war, der nach der Angst der Todesstunde Jesu der erste war, aufzustehen und von der Auferstehung seines Meisters öffentlich zu predigen? Ist es nicht verständlich, dass Jakobus, der Bruder des Meisters, eine Säule der mahnenden Festigkeit in Jerusalems erster Schar der Jesusnachfolger wurde? Ist es nicht verständlich, dass Johannes eine lichtdurchflutete Tradition gründete, die in einem ganz anderen Evangelium und ganz anderen Briefen mündete? Diese drei haben ein Licht gesehen, das nicht von dieser Welt ist und doch zugleich das Licht ist, das diese Welt durchdringt und flutet.
Manchmal steige auch ich zu dieser Kuppe auf, wenn ich die Augen schließe und den inneren Taborberg betrachte. Dann ist er Licht und Stimme. Dann glaube ich alles, was davor und dahinter liegt, dann fasse ich Mut. Dann begreife ich, dass Moses Angesicht leuchtete, wie es erzählt wird, weil er dieses ewige Licht, dem auch er auf dem Sinai begegnet ist, reflektierte. Dann glaube ich, dass Elija, der zusammen mit Mose bei Jesus auf dem Tabor stand, wie es die Jünger gesehen haben, einen Schatten des Feuers beschwören konnte. Dann glaube ich, dass Mose und Elija verschwanden und nur noch Jesus vor den drei Vertrauten stand, weil er das eigentliche Licht ist und den harten Glanz des Sinai und das Brennen der Propheten in sich vereint, überwindet und das Licht hinter den Lichtern offenbart, das alles in Liebe umfängt und trägt.
Ich war also auch dort vor über 2000 Jahren und habe das Licht gesehen, das die drei Jünger sahen. Das Licht, das Maria sah, als sie zu Jesu Füßen saß. Das Licht der Welt und die Lichtgestalt, die in der Offenbarung des Johannes hervortritt und das Ziel und Ende aller Dinge in Händen hält. Ich war dort wie jedes Menschenherz, das die Wahrheit sucht und das Licht und eines von den geliebten Kindern Gottes sein will. Ich war dort, weil es ein Licht ist, das eben gerade nicht an Ort und Zeit gebunden ist. Es übersteigt den Tabor und fließt hinein in die Seele. Wie Petrus verstehe ich oft nicht, was ich da sehe und wahrnehme und plappere vor mich hin, hege heilige Gefühle, die ins Nichts laufen. Wie Jakobus will ich in Form und Regel gießen, was eigentlich unfassbar ist, aber ich sehne mich nach Sicherheit, Tradition und Rhythmus, weil ich ein Mensch bin und mich in Raum und Zeit verorten muss, um so etwas wie Heimat zu finden. Wie bei Johannes strahlt manchmal die Erkenntnis auf, dass dies alles Größer ist als das, was man sehen und anfassen kann, dass da eine Wirklichkeit ist, die das Berührbare umfängt und auf eine höhere Ebene trägt.
Wie Petrus schwanke ich zwischen: Gott, ich bin ein Sünder, sei mir fern – und: Gott, das ist so heilig, ich will ein großer Anbeter sein. Wie Jakobus will ich ermahnen und an eine Gerechtigkeit erinnern, die ein von Licht berührter Mensch doch eigentlich besser als andere üben und in diese Welt tragen muss – und scheitere an den eigenen Ansprüchen. Wie Johannes verliere ich mich im Leuchten und werde mir selbst unverständlich, die Welt wird mir unverständlich und ich fliehe, wende mich ab, suche auf dem Tabor einen sicheren Ort und betrachte von dieser Höhe, was in der Welt geschieht, weil nur so zu ertragen ist, dass diese Welt auch viel Dunkel und Schatten bereithält.
Ich brauche den Tabor und das Licht der Welt. Er ist mein heiliger Berg, in dem Sinai und Berg der Seligpreisung und Golgotha in eins zusammenfließen. Er ist ein Nabel der Welt, ein wahrer Inselberg. Es mag geologische Gründe geben dafür, dass dieser Berg so einzig die Landschaft dominiert. Die könnte ich recherchieren, aber sie interessieren mich nicht. Die Kuppe mag zuerst deshalb in mir ihre Wurzeln aufgeschlagen haben, weil ihre weibliche Ästhetik, das Runde, das sich sanft dem Himmel entgegenstreckt, mich gerührt hat. Wieder und wieder betrachte ich die Postkarte und den Stich, aber es ist nicht das eigentliche Bild in mir. Aus künstlerischem Interesse und der Erinnerung an eine wie auch immer gewesene Wirklichkeit ist etwas Anderes geworden. Der Berg Tabor im Licht des späten Vormittages, saftig grün und bevölkert von längst vergangenen Gestalten, existiert nur so in meinem Inneren, aber er ist mir näher und wirklicher als der Berg, auf dem mein schweißüberströmter Mädchenkörper vor sich hin stolperte.
So mag Jesus schlicht gegessen und getrunken und geschlafen und gebetet haben wie andere fromme Juden seiner Zeit auch. Für das äußere Auge banal. Und doch haben die Jünger in ihm das Licht des Tabor gesehen und in eben diesem Licht stehen die Geschichten geschrieben, die alle vier Evangelien uns erzählen. In diesem Licht lebten und schrieben diejenigen, deren weitere Texte uns im Neuen Testament begleiten. Mose und Elija waren auch dort, vergessen wir das nicht. Auch im Alten Testament, zwischen all dem rätselhaft Archaischen und menschlich Grausamen scheint das Licht des Tabor durch, das Licht der Welt. Hier ist es die Schechina, die Wolke der innewohnenden Herrlichkeit Gottes, die sich herabsenkt auf das Volk und Wohnung bei ihm nimmt.
All die Geschichten und Orte muss man träumen und leben, damit sie eigentliche Wirklichkeit werden. Man kann sie nicht nachplappern wie Petrus und heilige Schauer erwarten. Man kann sie nicht in Formen pressen und damit die Erlösung der Welt von allem, was einen persönlich stört, erwarten. Man kann ihr mystisches Licht aber auch nicht als pure Schwärmerei abtun. Das Mystische, das Lichtvolle, ist das eigentlich Wirkliche, das uns Hoffnung gibt. Man muss die Geschichten essen und trinken und sie auf seinem inneren Tabor nacherleben. Man muss in ihnen sein und gleichzeitig in seinem eigenen Leben. Das ist die höhere Wirklichkeit, die Kunst des Ausgespannt-Seins in Raum und Zeit, die uns weich machen will, empfänglich für das Licht der Welt.
Dann kann der Tabor in seiner sanften Dominanz im Alltag wurzeln, dieser heilige Berg, wie es so viele gibt und doch einzig in seiner Art. So manche Erinnerung wird heil im späten Vormittagslicht. Glaube, Hoffnung, Liebe – die Paulusworte, die er nur sprechen konnte, weil ihn vor Damaskus ebenjenes Tabor-Licht zu Boden schlug. Die Liebe und das Licht der Welt sehen darum für mich aus wie der Tabor unter der südlichen Sonne. Vertraute untereinander, stilles Ahnen und Leuchten, Innigkeit und Gegenwärtigkeit, alles in mir überwältigend, ein Licht, das durchdringt und umfängt, in dem ich sehen kann, was wirklicher ist als die Wirklichkeit. Dazu braucht es den Mut, sich umzuwenden, weg von dem enttäuschenden Grau nackter Felsen und wieder neu hin zu dem Berg des Inneren, wie es Johannes auf Patmos tat, ein Mann im Gebet, der sich umwendet und plötzlich die Lichtgestalt sieht von dem, der da war und der da ist und der da kommt.
Wer kann uns verwehren zu träumen und den Berg Tabor aufzurichten? Warum sollten wir uns sagen lassen, dass Traum, Vision und Sehnsucht weniger wirklich sind als Berge, die man tatsächlich mit dem leiblichen Fuß besteigt? Wer kann uns verbieten, von Liebe und Schönheit zu träumen, die die Welt erlösen? Ich glaube daran und ich weiß, dass es den Berg Tabor gibt und das Licht der Verklärung eine Wirklichkeit ist, auf die man sich verlassen darf, um nicht verlassen zu sein in einer Welt der Schatten und angstvollen Düsternisse.

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